„Die Schweiz: Kein Land für arbeitende Mütter“

Meine ungarische Freundin Undine ist vor kurzem in die Schweiz gezogen, hat sich dort gleich erfolgreich einen Job gesucht und ist gerade hochschwanger. Ein Umstand, den die Schweiz im 21. Jahrhundert für arbeitende Frauen anscheinend nicht vorsieht. Hier ihr Bericht:

Mutterpass? Was ist denn das?

Wer in Deutschland Kinder bekommen hat, kennt das DinA5 große Heftchen das Schwangere stets mit sich führen sollen. In der Schweiz gibt es  solch einen Mutterpass nicht. Da die Eidgenossen in vielen kleinen Kantonen aufgeteilt und nicht zentralisiert organisiert sind, kann man so etwas wohl auch nicht verpflichtend einführen. Bleiben drei Alternativen, wie Undine herausgefunden hat:

1.) Der Frauenarzt / die Frauenärztin lehnt diese unschweizerische Idee per se ab und basta. Sollte die Schwangere im ersten Trimester, in dem die äußeren Anzeichen einer Schwangerschaft fehlen, angefahren werden oder sonst wie verunfallen so hat sie eben Pech gehabt.

2.) Der Frauenarzt / die Frauenärztin kooperiert mit einer Pharmafirma, die eine hübsche Hülle mit Werbeaufdruck sponsert, in der dann die Ultraschall-Fotos und der Blutgruppenausweis stecken – und auch die Telefonnummer des behandelnden Arztes.

3.) Der Frauenarzt / die Frauenärztin ist deutscher Abstammung und organisiert auf Wunsch für seine deutschen Patientinnen irgendwie doch einen Mutterpass.

„Leider gehören 90% der Ärzte zu Kategorie 1, ganz wenige zur Gruppe 2, und wer viel Glück hat, der landet bei Kategorie 3. Ich hatte kein Glück.“

Mutterschutz oder: Achtung, Geburt am Arbeitsplatz.

Den Begriff Mutterschutz kenne ich aus einigen europäischen Ländern, in Deutschland zum Beispiel darf eine werdende Mutter nicht mehr nach 18.00 Uhr arbeiten und 6 Wochen vor der Geburt ist dann komplett Feierabend und frau muss sich deswegen nicht schämen. Im Schokiland ist es ganz anders: Schwangere „dürfen“ bis zum allerletzten Tag vor der Geburt arbeiten – „und viele meiner Rundling-Genossinnen müssen sich für die letzten 3-4 Wochen vom Frauenarzt mit echten oder vorgetäuschten Beschwerden krank schreiben lassen, um das Kind nicht am Bürotisch zu bekommen – und selbst so werden sie oft richtig blöd vom Chef oder anderen Kolleginnen angemacht, so als ob sie absolut keine Leistung mehr bringen könnten“ erzählt Undine.

Arbeitende Mütter unerwünscht.

„In der Schweiz lautet die gängige Frage an eine schwangere Kollegin nicht etwa „wann möchtest Du wieder in die Arbeit einsteigen?“ sondern eher: „möchtest Du denn wieder arbeiten gehen?“. Das Schweizer Modell sieht nämlich für die Frau die traditionelle Rolle der 1950er vor: Schön brav zu Hause bleiben, Heimchen am Herd und am Spielplatz. Irgendwie werden arbeitende Mütter komisch beäugt und das Land ist auch nicht wirklich darauf eingerichtet, dass hier eine Mutter ihr Geld verdient. Eine Frau schon noch, aber nicht eine Mutter“. Wieso? „Nun, das staatliche Kindergeld fällt recht knapp aus, aber der Knüller ist, was eine Kinderkrippe oder Kindergarten pro Monat kostet: Nämlich genauso viel, wie frau in einem mittelmäßigen Monat verdient. Also stellt sich die Frage: Kind in die Kita geben, arbeiten und das verdiente Geld zur Kita tragen – oder gleich daheim bleiben?“

Und wie geht es bei Undine weiter, wenn das Baby da ist? „Zu meinem persönlichen Riesenglück gehört, dass ich in Teilzeit und sehr flexibel arbeiten kann und dass mein Chef alles ziemlich locker sieht, weshalb ich erst mal positiv in meine „Mutterzukunft“ blicke. Aber das System an sich ist schon schräg! Ich frage mich manchmal, wie es eine normalsterbliche, also nicht übelst reiche Schweizer Mutter macht, die verdienen und das Kind betreut bekommen MUSS?“

Scheidungskinder dürfen nicht zur arbeitenden Mutter.

Eine Freundin von Undine steckt gerade in der Klemme. In weiten Teilen Europas würde sie als absolute Vorzeigefrau gelten: Sie schafft es, ihren anspruchsvollen Job und ihre zwei Kinder (2 und 5 Jahre) inklusive Haushalt mit einer vorbildlichen Ausgeglichenheit zu schmeißen – ohne Putzfrau, ohne Kindermädchen, ohne Eltern um die Ecke. Der Ehemann ist weg, aber dafür kann sie nun wirklich nichts. Falls sie sich aber in der Schweiz scheiden ließe, würde jedes Schweizer Gericht ihr die Kinder wegnehmen, denn „eine arbeitende Mutter kann nicht in der Lage sein, ihre Kinder entsprechend zu versorgen, ohne ihre emotionale Entwicklung zu gefährden“. Wie Bitte? „Tja, der Vater ist zwar völlig neben der Spur, aber er hätte ausreichend Zeit für die emotionale Entwicklung der Kinder. Tolle Sache.“

Undine wünsche ich zunächst alles Gute für die Geburt und den Start ins Mutterdasein! Und ich bin schon gespannt auf ihren nächsten Bericht.

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Familienfreundlich?!, Frau und Job, Mama international, Wiedereinstieg Teilzeit und Motivation

Eine Antwort zu “„Die Schweiz: Kein Land für arbeitende Mütter“

  1. Liebe Mum02,

    dass berufstätige Mütter bei einer Scheidung als unzumutbar für die Kinder eingeschätzt werden, wusste ich nicht – das ist ja wirklich schockierend. Ansonsten hatte ich von der Schweiz, trotz der gänzlich anders gestalteten Mutterschutzgesetze, einen sehr positvien Eindruck. Ich war vier Jahre dort fest angestellt, allerdings bei einem skandinavischen Familienunternehmen, was also sicher untypisch war. Falls es okay ist, füge ich hier einen Link zu meiner Weltsicht als Grenzgängerin aus Deuschland ein – ansonsten einfach löschen 🙂

    http://www.mama-arbeitet.de/berufstatigkeit/grenzgangerin-oder-schweiz-du-hast-es-besser

    Herzlichen Gruss, Christine

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