Mutter in Marrakesch: „Die Welt kommt zu mir nach Hause“

Bildquelle: aboutpixel.de / Orange und Granatapfel © Rainer SturmBouchras Eltern waren arm, aber klug. Entgegen der Tradition entschieden sie sich dafür, nur zwei Kinder zu bekommen, denen sie eine gute Ausbildung finanzieren würden. In Marokko können zwei Drittel aller Frauen die Landessprache Arabisch weder lesen noch schreiben. Bouchra kann, und sie beherrscht außerdem die Handels- und Bildungssprache Französisch. Um sie zu interviewen, kramte ich meine versickerten Kenntnisse hervor und nahm per Mail Kontakt auf. Voilà:

„Mein Name ist Bouchra, ich bin 42 Jahre alt und lebe in Marrakesch. Ich bin gelernte Schneiderin und habe einen sechsjährigen Sohn. Mein Mann ist Künstler, aus Glas und Metall stellt er Tischwaren her. Bis 2004 war ich in einem Textilunternehmen angestellt, doch es wurde nach China verlagert. Daher suchte ich mir eine neue Beschäftigung: Ich biete europäischen – vorwiegend französischen – Reisenden Unterkunft und marokkanische Speisen an. Die Welt kommt zu mir nach Hause, durch meine Gäste reise ich ohne meine Heimat zu verlassen. Das macht mich sehr glücklich. Nur zu Hause zu sitzen und die Hände in den Schoß zu legen wäre gegen meine Natur.  Solche Frauen wissen nicht wie gut es sich anfühlt, ihr selbst verdientes Geld auszugeben und so zu leben wie sie möchten.

A day in the life…

Morgens um sieben wecke ich meinen Sohn, bereite sein Frühstück und den Teig für das Brot. Meine blinde Mutter lebt bei uns, noch ist sie fit genug um morgens alleine aufzustehen während ich den Kleinen zur Schule bringe. Anschließend frühstücke ich mit meiner Mutter und meinem Mann, backe Brot und koche das Mittagessen. Meistens hole ich meinen Sohn mit dem Moped von der Schule ab. Auf zwei Rädern ist es einfacher, sich durch die verwinkelten Gassen und Menschenmassen Marrakeschs zu schlängeln als mit dem Auto. Nach dem gemeinsamen Mittagsmahl bringe ich ihn wieder zur Schule, koche für unsere Gäste und erledige die Hausarbeit.

Vom Staat erhalten Eltern oder Kinder bei uns kaum finanzielle Unterstützung. Doch die Menschen helfen sich gegenseitig, Familie und Nachbarschaft sind unser soziales Netz. Ich denke, das Leben als Frau in Marokko unterscheidet sich nicht grundlegend von dem in Europa. Unser König hat sich für die Gleichberechtigung stark gemacht, zum Beispiel steht einer verheirateten Frau inzwischen die Hälfte des Familienvermögens zu. Sollte ihr Mann sie sehr schlecht behandeln, kann sie sich scheiden lassen. Es geht voran mit unserem Land und darauf sind wir stolz.“

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Mama international

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s