Zum Weltkindertag 2012: Lernen wie bekloppt oder Lernen fürs Leben?!

„Kinder brauchen Zeit“ lautet das Motto des Weltkindertags 2012. Schön, dass Kinder durch diesen Tag im September in den Blickpunkt der Medien rücken (ansonsten stehe ich diesen unzähligen Tagen ja skeptisch gegenüber – wusstet ihr zum Beispiel, dass es nicht nur den „Tag der Küche“ (8.9.) sondern sogar den „Tag des Klopapiers“ (26.8.) gibt?). Kinder sind ein kostbares „Gut“, umso weniger es gibt, umso mehr sollen sie gefördert werden. „Pimp my kid?!“. Dass dieses Denken den Kindern oft schadet, belegen zum Weltkindertag veröffentlichte Zahlen von Unicef. Demnach haben Kinder der Klassen 9 bis 13 im Schnitt eine wöchentliche Arbeitsbelastung von rund 45 Stunden. Die kostbare Freizeit, die noch bleibt, verbringen viele vor der Glotze, der Spielkonsole oder dem PC.

Kinder brauchen Zeit zum Spielen

Die Welt erkunden: Kinder brauchen Zeit zum Spielen

Lernen wie bekloppt oder Lernen fürs Leben?!

Die internationale Vergleichbarkeit von schulischen Leistungen ist groß in Mode. Seit einigen Jahren heißt das Zauberwort „Pisa“. Durch die Bank hervorragend schneiden bei Pisa asiatische Schüler ab. Verglichen mit deren Stundenplan können sich deutsche Schüler wohl noch glücklich schätzen: In Südkorea beispielsweise geht es nach der Ganztagesschule gleich weiter zum Nachhilfeunterricht, oft bis 22 Uhr. Anschließend werden noch Hausaufgaben erledigt. Am Wochenende ist keineswegs Erholung angesagt: Vor der Versetzung in die Oberschule oder der Aufnahme an eine der begehrten Unis lernen viele sieben Tage die Woche bis in die Nacht. Der Spiegel zitierte einen Schüler: „Wenn du eine Zwei bekommst, denkst du ans Sterben.“

Im bevölkerungsreichen Indien ist der Konkurrenzkampf schon unter Kindern groß. Meine indische Freundin Simi erzählte mir aus der Schule ihrer Tochter:

Als meine Tochter in der 10. Klasse Abschlussprüfungen hatte, war das eine grausame Zeit für sie und damit auch für mich, denn als Mutter leidest du ja mit.  Der Prüfungsplan sah vor, pro Fach ein komplettes Schulbuch mit rund 150 Seiten auswendig zu lernen – in elf Fächern. Dabei verdarb sie sich die Augen und muss seither eine Brille tragen, außerdem war sie sechs Monate am Stück erkältet, weil sie immer nur drinnen saß und lernte. Sie schnitt gut ab bei den Prüfungen und erreichte 90 von 100 Prozent, aber wofür war das gut?

Unsere Lehrer lehren uns nicht zu denken, wir sollen nur gute Noten bekommen. 90 oder 95 Prozent zu erreichen ist alles was zählt. Einmal sprach ich die Tutorin meiner Tochter darauf an – meine Tochter ging damals von 7:30 bis 16:00 zur Schule und hatte anschließend Prüfungsvorbereitung von 17 bis 20 oder 21 Uhr – und ich sagte zu der Frau: „Sie paukt und lernt stur alles auswendig. Sogar Literatur, wie kann man Literatur pauken?“. Die Lehrerin erklärte mir: „Es tut mir leid, aber genau das muss sie tun, um gute Noten in Literatur zu bekommen.

Übrigens schicke ich mein Kind auf eine teurere Schule, weil sie die Kinder dort nicht schlagen. Das ist der einzige Grund, denn der Unterricht dort ist auch nicht besser. Es ist ein stures Eintrichtern, die Kinder müssen auswendig lernen was im Buch steht. Faktenvermittlung statt Bildung.“

Egal ob in Deutschland oder anderswo: Was bei übermäßiger Paukerei leidet ist die individuelle Entfaltung und die Kreativität der Kinder. Gerade ein Land, das für seine vielen Erfindungen bekannt ist, sollte das nicht vergessen. Über dieses Thema könnte ich noch seitenweise schreiben, aber ich mache hier einen Punkt und überlasse das Schlusswort Bettina Wegner und ihrem Liedtext „Kinder“, denn er spricht mir aus dem Herzen.

P.S. Ich mache mit meinen Kindern heute einen Ausflug ins Märchenland an der Bärenhöhle. Dessen Slogan lautet ganz passend „Wo Kinder noch träumen dürfen“.

Kinder (Bettina Wegner)

Sind so kleine Hände

winz’ge Finger dran.

Darf man nie drauf schlagen

die zerbrechen dann.

Sind so kleine Füße

mit so kleinen Zeh’n.

Darf man nie drauf treten

könn sie sonst nicht gehn.

Sind so kleine Ohren

scharf, und ihr erlaubt.

Darf man nie zerbrüllen

werden davon taub.

Sind so schöne Münder

sprechen alles aus.

Darf man nie verbieten

Kommt sonst nichts mehr raus.

Sind so klare Augen

die noch alles sehn.

Darf man nie verbinden

könn sie nichts verstehn.

Sind so kleine Seelen

offen und ganz frei.

Darf man niemals quälen

gehn kaputt dabei.

Ist son kleines Rückgrat

sieht man fast noch nicht.

Darf man niemals beugen

weil es sonst zerbricht.

Gerade, klare Menschen

wärn ein schönes Ziel.

Leute ohne Rückgrat

hab’n wir schon zuviel.

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Eingeordnet unter Leben mit Kindern, Mama international, Politik

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