Working dad: Ein Papa aus Schweden packt aus

Als ich Andis Frau Ingela für mein Buchprojekt „Working Mums“ (das war der Arbeitstitel) interviewen wollte, fragte er mich umgehend: Und wer schreibt über die arbeitenden Papas? Tatsächlich wird bei uns viel geredet und geschrieben über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, im Fokus stehen dabei meist die Mütter. In Schweden ist es längst nicht mehr ungewöhnlich, dass sich Mama und Papa gleichberechtigt um Kinder und Karriere kümmern. Das war mit ein Grund für den Deutschen Andi und seine schwedische Frau, von Deutschland nach Schweden zu ziehen, als sie Eltern wurden. Die beiden haben zwei Söhne im Alter von vier und sechs Jahren.

 

Kannst du in wenigen Sätzen deinen Alltag als berufstätiger Papa beschreiben?

 

Andi: Um 6.15 klingelt der Wecker, ich gehe ins Bad und mache mich für den Tag zurecht (bei uns Männern geht das ja bekanntlich etwas schneller). Gegen 6:45 wecken wir die Kinder.

 

Dann beginnt die Aufteilung 🙂

 

Wir wechseln uns nämlich immer wieder ab, einer bringt die Kinder in den Kindergarten bzw. in die Schule, der oder die andere holt sie ab.

 

Wenn ich an dem Tag die Kinder abgebe, bereite ich ihnen ein schnelles Frühstück (der Kleine frühstückt später noch in der Kindertagesstätte, wollte der Große in der Schule frühstücken müsste er allerdings schon gegen sieben Uhr dort sein). Um 7:30 fahre ich die Kinder zur KITA bzw. zur Schule und gegen 8 Uhr treffe ich an meiner Arbeitsstelle ein.

 

Meine Frau kann derweil direkt zur Arbeit und fängt an diesen Tagen schon zwischen 7 und 7:30 an zu arbeiten. Dafür verlässt sie das Büro gegen 16 Uhr und holt die Kinder ab. Ich arbeite derweil noch etwas länger und bin aber spätestens um 17:30 ebenfalls zu Hause.

 

Fürs Kochen ist immer der zuständig, der die Kinder abholt und daher als erstes nach Hause kommt. Kurz nach 19 Uhr bringen wir die Kinder zu Bett. Vorher gibt es natürlich eine Gute-Nacht-Geschichte, meine Frau liest auf schwedisch vor, ich auf deutsch. Auch dabei wechseln wir uns ab. Zwischen 19:30 und 20:00 herrscht dann Ruhe im Haus, die Kinder schlafen und uns bleibt Zeit füreinander oder für Hobbys. Es kann sein, dass ich mich auf mein Mountainbike setze und noch eine Stunde Rad fahre. Auch am Haus gibt es immer etwas zu basteln und zu reparieren für mich. Oder wir schauen uns gemütlich einen Film an. Manchmal treffe ich auch noch ein paar Kumpels auf ein Bier in der Stadt.


Was könnten Deutsche in punkto Vereinbarkeit von Kind und Karriere von Schweden lernen?

 

Andi: Viele Firmen in Deutschland müssen realisieren, dass Eltern generell – aber vor allem auch Väter – zwei Rollen haben, Karriere UND Familie. Papa muss also genauso um 16 Uhr nach Hause gehen dürfen wie Mama. Als Arbeitnehmer bekommt man in Deutschland doch häufig ein schlechtes Gewissen vermittelt (ob direkt oder indirekt), wenn man drei Mal die Woche früher geht, um die Kinder abzuholen. Daher trauen sich viele nicht. Bei Müttern wird das schon eher akzeptiert, auch wenn es für sie ebenfalls sehr schwierig ist, alles unter einen Hut zu bekommen.

 

Ich denke ein Riesenvorteil bei mir und meiner Frau ist, das wir beide die Möglichkeit haben und dadurch sehr viel flexibler sind. Es kommt immer wieder vor, dass wir uns anrufen: „Du, ich hab ein Meeting reinbekommen, kannst du heute die Kids abholen, dann hol ich sie dafür morgen ab?“ Dazu gehört allerdings selbstverständlich, dass wir im Gegenzug abends ab und zu weiterarbeiten müssen, im Home Office. Das gilt auch, wenn eines der Kinder mal krank ist – wenn wir viel zu tun haben, arbeiten wir dann eben abwechselnd von zu Hause aus.

 

Ich hab in meinen sieben Jahren in Schweden noch nie einen seltsamen Blick oder Kommentar von meinen Chefs mitbekommen, wenn ich sagte ich müsse jetzt gehen um die Kinder abzuholen! Meiner Meinung nach sollten die Firmen daher ein Vorbild sein, dann trauen sich auch mehr Daddys, ihre Rolle aktiver zu leben.

 

 
Wenn du in mütterlichen Domänen auftauchst (auf dem Spielplatz, in der Krabbelgruppe, beim Kinderarzt, etc.) – wie fühlst du dich dabei, wie begegnet man dir?

 

Andi: Es gibt hier keine mütterliche Domäne, wirklich, also auf dem Spielplatz oder in der Krabbelgruppe sind genauso viele Paps wie Mamas. Generell ist das wirklich völlig normal in Schweden, Papas mit Kinderwagen oder auf dem Spieli zu sehen, da wundert sich niemand.


Wird zu wenig über engagierte Papas geschrieben und gesprochen, kommst du dir bei der ganzen Diskussion um berufstätige Mütter manchmal vernachlässigt vor?

 

Andi: Nein, die Diskussion ist hier nicht so wild. Vermutlich, weil die Vereinbarkeit von Familie und Beruf für beide Elternteile in Schweden bereits selbstverständlicher ist. Was hier gerade ziemlich intensiv diskutiert wird ist das Thema Frauenquoten in Führungspositionen, meiner Einschätzung nach wird das zu stark in den Vordergrund gerückt.


Gemeinsam mit deiner Frau teilst du dir die Kindererziehung, das klingt richtig gut. Welche Tipps hast du für Paare, die sich ebenfalls mehr Gleichberechtigung in punkto Kinder & Karriere wünschen?


Andi: Bei Angestellten muss der Chef mitspielen, siehe Frage 2! Wenn die Firma mitmacht und man nicht das Gefühl haben muss, seine Karriere zu gefährden, dann klappt die Gleichberechtigung ganz von selbst. Vorausgesetzt, Mann und Frau haben die Ambition, sich gleichberechtigt einzubringen. Der Staat kann mithelfen, aber aus meiner Sicht müssen vor allem die Firmen verstehen, dass sie trotzdem leistungsbereite Arbeitnehmer bekommen. Es funktioniert wirklich, wenn sowohl Arbeitnehmer als auch Arbeitgeber nur flexibler agieren!!


Andi, vielen Dank für die Einblicke in euer Leben in Schweden!

 

P.S.  Liebe Leserinnen und Leser, falls ihr euch über meine Schreibpause gewundert habt: Die Buchdiät war erfolgreich, mein Regal sieht wieder wunderbar geordnet aus und da ist wieder Luft für neue Bücher. Dennoch kam ich nicht zum bloggen, da mich der Feinschliff vor der Buchveröffentlichung (am 1.12. ist es soweit) ganz schön beschäftigt habt.

 

 

Advertisements

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Familienfreundlich?!, Leben mit Kindern

Eine Antwort zu “Working dad: Ein Papa aus Schweden packt aus

  1. Pingback: Papa in Kolumbien: “Auf eine neue Familie kannst du dich nicht bewerben” (Teil 1) | mum02: Zwischen Karriere und Krabbelgruppe

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s