Die Definition von Berufstätigkeit

Spiegel online zitiert heute eine aktuelle Erhebung des Statistischen Bundesamts, nach der immer mehr Mütter in Deutschland berufstätig sind. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/familie-und-job-zwei-von-drei-muettern-sind-berufstaetig-a-885700.html 

„Die meisten Mütter von Kindern unter 15 Jahren in Deutschland sind berufstätig: 68 Prozent arbeiten – das sind mehr als zehn Jahre zuvor.“

Diese Meldung darf jede(r) für sich selbst bewerten. Im Kontext der anhaltenden Diskussion um die Vereinbarkeit von Familie und Job, Fachkräftemangel und Kinderbetreuung ist die Botschaft ziemlich klar: Supi, was wollt ihr denn, da tut sich doch was!

Aber Moment mal: Was ist ein Job? Wie definiert das Statistische Bundesamt „Berufstätigkeit? Davon ist im Artikel nicht die Rede. Vermutlich ist bezahlte Arbeit per se eine Berufstätigkeit, egal ob ich eine oder 80 Stunden die Woche arbeite. Dennoch ist die Unterscheidung wichtig, daher sollte man genauer nachfragen. In meiner Gegend hört sich die Realität beispielsweise so an (O-Ton, heute Abend in der Sammelumkleidekabine eines nahe gelegenen Schwimmbades):

Mama A: „Du kellnerst ja in der Albhütte, stimmt’s?“ Mama B: „Arbeitest du auch?“ Mama A: „Ja, ich bediene im Lokal „Adler“ ab und zu, ein bisschen was muss eben schon rein kommen nebenher“. Mama B: „Ja, ein 400-Euro Job ist okay. Ich weiß gar nicht wie das Familien machen, bei denen nur der Vater arbeitet“.

Eine Bekannte von mir ist alleinerziehend, der Kleinste kann werktags bis 16 Uhr im Kindergarten bleiben. Sie arbeitet tagsüber in der Gastronomie und hat an ihrem freien Tag noch eine Putzstelle, dennoch reicht das Geld nicht. Ihr Ex-Mann macht Druck, sie solle sich endlich eine „richtige“ Vollzeitstelle suchen und ihm nicht mehr auf der Tasche liegen – doch wer schaut solange nach ihrem vierjährigen Sohn?
Kürzlich erzählte mir eine andere Mama von ihrem Stress im Job, sie ist verheiratet und hat zwei Kinder. Erst nach geraumer Zeit bekam ich mit, dass sie ganze drei Stunden die Woche in einer Kleinkindgruppe arbeitet, während ihre beiden Kinder im Kindergarten sind. Zwei Drittel aller Mütter arbeiten? Sorry, Statistisches Bundesamt, ich finde diese Zahlen wenig beeindruckend. Wie viele Mütter haben einen Job, von dem sie leben könnten? Der ihnen eine Rente sichert?

Dazu lief heute ein interessanter Beitrag auf NRD: „Ungerecht: Mütter-Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt“ (http://www.ndr.de/regional/muetterdiskriminierung101.html.) Darin erläutert ein Professor Stefan Sell  (Hochschule Koblenz) das Problem aus volkwirtschaftlicher Sicht: „Es gibt zahlreiche Studien, die zeigen, dass wir uns eine unglaubliche Verschwendung von Qualifikation, von Wissen, von Leistungsfähigkeit erlauben, durch die vielen strukturellen Hindernisse, die wir den qualifizierten Müttern in den Weg legen. Der Schaden geht in die Milliarden, das können wir uns eigentlich gar nicht mehr erlauben.“

Ein Fazit des NDR-Beitrags: „Doch auch Familienministerin Kristina Schröder scheint dieses Problem noch nicht wirklich erkannt zu haben. Nach wie vor predigt sie ihre Überzeugung, Frauen könnten selbst wählen, wie sie leben und wie viel sie arbeiten möchten. Wer wolle, der könne auch arbeiten, und wählen, ob Voll- oder Teilzeit oder als Minijobberin. Spricht man mit betroffenen Müttern, sieht das jedoch nach wie vor ganz anders aus.“

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Frau und Job, Politik, Wiedereinstieg Teilzeit und Motivation

Eine Antwort zu “Die Definition von Berufstätigkeit

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