Familiengipfel: Offener Brief an Ministerin Kristina Schröder

Sehr geehrte Frau Dr. Kristina Schröder,

auf dem gestrigen Familiengipfel haben Sie mit hochrangigen Vertretern der deutschen Wirtschaft und den Gewerkschaften darüber gesprochen, wie sich das Miteinander von Familie und Beruf in Deutschland besser vereinbaren lässt. Das ist begrüßenswert. Als Autorin, Bloggerin und als berufstätige Mutter beschäftige auch ich mich seit Jahren mit diesem Thema. Ich habe ein Buch geschrieben, in dem 20 berufstätige Mütter aus aller Welt erzählen, wie sie Familie und Job unter einen Hut bekommen und was sie sich von Arbeitgebern und Politik wünschen.

Damit möchte ich die Debatte in Deutschland um eine internationale Perspektive erweitern. Denn leben wir nicht längst in einer global vernetzten Welt? Gerade beim Thema Vereinbarkeit können wir viel voneinander lernen.

Im Buch berichtet beispielsweise die Betriebswirtin Ingela aus Schweden, wie sie und ihr Mann dank familienfreundlicher Arbeitsbedingungen und Ganztageskindergarten problemlos in Vollzeit arbeiten – und dennoch zwischen 16 und 17 Uhr zu Hause sind.

Die Frauen im Buch sind gebildet, hochqualifiziert und verfolgen eigene Ziele und Träume. Wie ein Reiseführer nimmt ZWISCHEN KARRIERE UND KRABBELGRUPPE den Leser mit auf eine Entdeckungstour von Land zu Land, in die Welt berufstätiger Mütter.

Peggy Wandel, Foto: Stefanie Heider

Peggy Wandel, Foto: Stefanie Heider

Könnten wir – wie Sanne in den Niederlanden – unsere Kinder jeden Monat einschulen, müsste ich mir keine Gedanken darüber machen, ob mein Sohn noch ein ganzes Jahr im Kindergarten bleiben soll. Ich wünsche mir auch eine Nachbarschaft, wie sie Astrid in Norwegen pflegt, mit Hauskonzerten und Straßenfesten. Dagegen verzichte ich gern auf umgerechnet 20 Euro Strafe, die bei Natalia in England fällig werden, wenn sie ihr Kind fünf Minuten zu spät vom Kindergarten abholt. In Finnland würde der Staat die Babyerstausstattung spendieren, inklusive Kleidung, Schlafsack, Matratze, Schneeanzug, Fieberthermometer und Bilderbuch. Die chilenische Regierung hielt das für eine gute Sache, sie führte vor einigen Jahren ähnliche Mutterschaftspakete ein.

Norwegen, Australien, Slowenien, Israel, USA: Natürlich steht jede der Geschichten nur beispielhaft für ein Land, doch sie verraten mehr über den Alltag vor Ort als so manche Statistik.

Zwischen Melbourne und Murcia, Santiago de Chile und Stavanger gibt es viel Positives zu berichten von Müttern, die einen guten Weg finden zwischen Kind und Karriere. Und wer hätte es gedacht? Die Zukunft ist weiblich. Zukunftsforscher wie Matthias Horx proklamieren längst den weltweiten „Megatrend Frauen“. Erst seit gut hundert Jahren dürfen Frauen Abitur machen, heute studieren mehr Frauen als Männer – nicht nur in Deutschland, auch in Saudi-Arabien. Leider funktioniert die Arbeitswelt noch weitgehend nach dem Anwesenheitsprinzip, da haben Männer die Nase vorn. Viele Frauen verzichten dankend auf eine Karriere nach der Spielregel „Wer am längsten im Büro bleibt, wird befördert“. Daher brauchen wir nicht nur gute Kinderbetreuungseinrichtungen, wir brauchen eine neue Zeitkultur. Damit könnten letztendlich alle – Frauen, Männer und Kinder – zufriedener leben.

Ihnen als einflussreiche Politikerin und als Mutter möchte ich die informativen Geschichten sehr ans Herz legen. Denn eine wirkliche Veränderung schaffen wir nur, in dem wir neue Impulse zulassen.

Freundliche Grüße

Peggy Wandel

„Zwischen Karriere und Krabbelgruppe
20 berufstätige Mütter aus aller Welt erzählen,
wie sie Familie und Job unter einen Hut bekommen“
288 Seiten | Taschenbuch
9,95 EUR (D)
ISBN 978-3-86265-168-9

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6 Kommentare

Eingeordnet unter Familienfreundlich?!, Frau und Job, Leben mit Kindern, Mama international, Politik

6 Antworten zu “Familiengipfel: Offener Brief an Ministerin Kristina Schröder

  1. martin

    Ein ausgezeichneter und konstruktiver Weckruf an eine junge Mutter, die ähnlich wie ihre Amtsvorgängerin längst viel zu weit entfernt ist vom realen Alltag „diätenfreier“ Mütter. Vermutlich wird hier auch wieder nur ein gelangweilter Unterstaatssekretär mit verschwurbelten Stammtischaussagen antworten- wenn überhaupt. Kein Wunder, dass sich gerade die jungen Menschen immer weniger von Politikern ernst genommen fühlt. Ich bedauere sehr, dass gerade die Familienpolitik in Deutschland außer großen Worten so erschreckend wenig vorzuweisen hat. Wer die Familienplanung junger Menschen auf dem Altar des Großkapitals und der Lobbyisten opfert, wird am Ende seines Lebens vor den Scherben einer vernichtend ausfallenden Lebensleistung stehen.

  2. frauke

    Mich stört an der Veranstaltung, dass wieder nur die Unternehmen mit der Regierung reden. Wann redet Frau Schröder endlich mal mit „echten“ arbeitenden Eltern(teilen)? Und nicht nur reden, sondern vor allem auch zuhören und endlich mal was richtiges für Eltern schaffen!

    • Da hast du völlig recht! Und wenn wir schon nicht eingeladen werden zu solchen Gesprächen, liest ihr hoffentlich jemand unsere Briefe vor. Bislang habe ich allerdings keine Antwort erhalten….

  3. Katharina

    Das ist schon sehr treffend. Es denkt auch kaum einer an die Frauen, die der Arbeit hinterher gezogen sind und dann hunderte Kilometer von familiärer Unterstützung entfernt ihren Laden irgendwie gewuppt kriegen. Frau Schröder profitiert leider von einem allzu guten Netzwerk, das einer Durchschnittsverdienerin u.U. gar nicht zur Verfügung steht. Letztlich bleiben wir hier eben alleingelassen, weil alle ÜBER die Eltern reden, aber leider nicht mit ihnen, um die notwendigen Verbesserungen auf den Weg zu bringen.

  4. Heute (10.4.2013) bekam ich folgende Antwort von einer Mitarbeiterin aus dem Ministerium:
    „Sehr geehrte Frau Wandel,
    vielen Dank für Ihre E-Mail an Frau Bundesfamilienministerin Schröder vom 13. März 2013 und die Vorstellung Ihres Buches „Zwischen Karriere und Krabbelgruppe- 20 berufstätige Mütter aus aller Welt erzählen, wie sie Familie und Job unter einen Hut bekommen“. Ich bitte um Verständnis dafür, dass es der Ministerin aufgrund der Vielzahl der täglich eingehenden Schreiben nicht möglich ist, alle an sie gerichteten Schreiben selbst zu beantworten. Sie hat mich daher gebeten, Ihnen zu antworten.

    Es ist ein zentrales Anliegen der Familienpolitik, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf in Deutschland zu verbessern und damit Müttern eine erfolgreiche Berufstätigkeit zu erleichtern. Wie auch Ihr Buch deutlich macht, ist dabei der interkulturelle Erfahrungsaustausch besonders wichtig, bietet er doch zahlreiche gute Beispiele, die zum Nachahmen anregen. Auch für uns ist deshalb der europäische und internationale Vergleich bei der Ausgestaltung unserer familienpolitischen Maßnahmen unerlässlich.

    Wir sind mit Ihnen der Ansicht, dass neben einem gesicherten finanziellen Auskommen und einer qualitativ guten und bedarfsgerechten Kinderbetreuung insbesondere familienfreundliche Arbeitsbedingungen entscheidend dazu beitragen, dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gelingt und sich wieder mehr junge Menschen für Kinder entscheiden. Deshalb ist die Förderung einer familienfreundlichen Arbeitswelt ein wesentlicher Schwerpunkt der Familienpolitik der Bundesregierung. Auch Unternehmen profitieren von den Vorteilen einer familienfreundlichen Personalpolitik. Beschäftigte, die bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf unterstützt werden, kehren früher aus der Elternzeit zurück, fehlen seltener, sind weniger stressbelastet und arbeiten motivierter. Hinzu kommen Wettbewerbsvorteile durch eine höhere Arbeitgeberattraktivität: Neben dem Gehalt werden familienfreundliche Angebote immer wichtiger, um qualifizierte Beschäftigte zu gewinnen und zu halten. Im Rahmen des Unternehmensprogramms „Erfolgsfaktor Familie“ setzt sich das Bundesfamilienministerium gemeinsam mit den Spitzenverbänden der deutschen Wirtschaft, Gewerkschaften und großen Stiftungen dafür ein, dass immer mehr Unternehmen den Nutzen von Familienfreundlichkeit erkennen. Ziel ist es, Familienfreundlichkeit zu einem Markenzeichen der deutschen Wirtschaft zu machen. Schon mehr als 4.500 Arbeitgeber bekennen sich zur Familienfreundlichkeit und sind Mitglied im Unternehmensnetzwerk „Erfolgsfaktor Familie“. Weil gerade die Arbeitszeiten eine wichtige Rolle für die Qualität des Familienlebens und die Zufriedenheit von Eltern spielen, haben wir im Rahmen des Unternehmensprogramms 2010 die Initiative „Familienbewusste Arbeitszeiten“ gestartet. Ziel ist es, Arbeitgeber zu motivieren und dabei zu unterstützen, mehr flexible und familienbewusste Arbeitszeitmodelle anzubieten. In der „Charta für familienbewusste Arbeitszeiten“ haben sich die Bundesregierung, die Wirtschaftsverbände und der DGB zu einem gesamtgesellschaftlichen Engagement für familienbewusste Arbeitszeiten verpflichtet. Ausführliche Informationen zum Unternehmensprogramm „Erfolgsfaktor Familie“ und zur Initiative „Familienbewusste Arbeitszeiten“ finden Sie auf der Internetseite http://www.erfolgsfaktor-familie.de.

    Sehr geehrte Frau Wandel, die gemeinsamen Bemühungen von Politik und Wirtschaft können zwar nicht verhindern können, dass mancherorts die Zeichen der Zeit noch nicht erkannt wurden. Aber wir sehen auch, dass sich vieles ändert. Laut einer Sonderauswertung des „Unternehmensmonitor Familienfreundlichkeit 2013″ (IW Köln) schätzen mittlerweile 80 Prozent der Unternehmensverantwortlichen Familienfreundlichkeit als wichtig ein. Das sind deutlich mehr als noch 2006 (72 Prozent) oder gar 2003 (46 Prozent). Wir werden mit Tempo und Dynamik daran arbeiten, diese Entwicklung weiter voranzutreiben.

    Mit Ihrem Buch bieten Sie spannende Einblicke in die ganz persönlichen Geschichten berufstätiger Mütter auf der ganzen Welt und zeigen auf, wie es gelingen kann, Verantwortung in der Familie und im Beruf zu übernehmen. Das macht auch anderen Frauen Mut, diesen Weg zu gehen. Wir wünschen Ihnen viel Erfolg mit dem Buch!

    Mit freundlichen Grüßen

    Im Auftrag

    Maike G.

    BMFSFJ, Referat 205

    Familienfreundliche Arbeitswelt,

    Familienbewusste Infrastruktur

    Rochusstrasse 8-10

    53123 Bonn“

  5. Pingback: Glückssträhne: mum02-Rückschau 2013 | mum02: Zwischen Karriere und Krabbelgruppe

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