„Ich wünschte, ich hätte eine Frau“: Working mums in Indien

Als Sophie auf BerlinFreckles die erste Blogparade „Jede Mutter zählt“ ausrief, wusste ich gleich: Ich bin dabei. Dann entwickelte sich der März zum bislang arbeitsintensivsten Monat seit langem und ich muss mich sputen, noch einen Beitrag beizusteuern.

Zu Wort kommen darin meine Freundinnen Sanjita und Simi aus Mumbai, Indien. Was sie mir von ihrer Mutter und Großmutter erzählten, hat mich tief beeindruckt. Diese Frauen haben mit dafür gesorgt, dass die Schwestern zu so starken und unabhängigen Frauen wurden, die diese Stärke heute an ihre eigenen Kinder weitergeben. Simi und Sanjita sind Mitte beziehungsweise Ende 40, haben zusammen fünf Kinder und eine kleine Textilagentur, die sie gemeinsam mit ihrer Mutter betreiben.

Simi: Wie sagt meine Schwester immer? „Ich wünschte, ich hätte eine Frau!“ Es wäre so gut, eine Ehefrau zu haben, die sich zu Hause um die Kinder kümmert, während wir schuften.

Sanjita: Eine “working mum” in Indien zu sein ist für die meisten Frauen harte Arbeit. Ihre Mütter haben so gut wie nie außer Haus gearbeitet, so dass es ihnen an Vorbildern mangelt. Meine Mutter war immer für uns und ihre vier Kinder da. Als wir klein waren, zauberte sie auf der Nähmaschine die schönsten Kleider für meine Schwester und mich. Dann waren da noch die sieben Schwestern meines Vaters, alle sehr geschickt in Handarbeiten wie Nähen, Sticken, Klöppeln. Seit ich zurückdenken kann, umgebe ich mich gern mit schönen Stoffen.

Sanjita: Unsere Mutter ist eine der nettesten Mütter, die du dir vorstellen kannst. Sie wuchs auf in T-Shirts und kurzen Hosen – absolut ungewöhnlich für Indien, damals Anfang der 1940er Jahre wie heute. Sie und ihre Schwester waren die einzigen Mädchen in ihrer Schule. Mein Großvater war ein ganz besonderer Mann, sanftmütig und intellektuell. Er war Schulinspektor und verfasste außerdem zahlreiche Schulbücher. Mit meiner Großmutter hatte er acht Kinder, fünf davon gingen gleichzeitig aufs College. Ich meine, sie gingen alle acht aufs College, aber für fünf Kinder gleichzeitig zu bezahlen muss irrsinnig schwer gewesen sein. Meine Großmutter versetzte ihren Schmuck und verpfändete den erhofften Gewinn, den die Bücher ihres Mannes abwerfen würden. So stellte sie sicher, dass alle Kinder eine gute Ausbildung erhielten.

Simi: Für mich und meine Schwester ist es einfacher, Beruf und Familie zu vereinbaren, denn wir arbeiten selbständig. Ein Grund, weshalb wir Anfang der 1990er unsere Firma gegründet haben war es, auch meiner Mutter die Chance zu eröffnen, einer Tätigkeit nachzugehen. Sie hatte zwar das College absolviert –  in ihrer Generation noch unüblich –  war jedoch nie berufstätig, weil sie sich um uns vier Kinder kümmern musste. Meine Mutter war als Hausfrau so wild darauf zu arbeiten, dass sie sich laufend weiterbildete und nebenher Wirtschaftswissenschaften und Jura studierte. Auch für meine Schwester und mich war die eigene Firma der beste Weg, Beruf und Familie zu vereinbaren, ohne auf das eine oder andere zu verzichten. Heute sind wir drei gleichwertige Partner in unserer Einkaufsagentur.

Sanjita: Indien ist ein riesiges Land mit vielen Gesichtern – arm und reich, rückständig und aufgeschlossen. Dass meine Schwester und ich so eigenständig sind, verdanken wir in erster Linie unserem Elternhaus und dem Zusammenhalt in unserer Familie, der es uns erlaubt, unser Leben so zu leben wie wir das tun.

Simi: In unserem Job sind wir viel unterwegs. Als meine Kinder klein waren, ertrug ich es kaum, von ihnen getrennt zu sein. Ich bin wohl eine ziemliche Glucke…. Meine Art, die Kinder zu umsorgen, habe ich sicherlich von meiner eigenen Mutter übernommen. Sie ist der Dreh- und Angelpunkt in unserem Leben. Alle zehn Enkelkinder sagen „Mama“ zu ihr. Sie scheinen sie genauso zu lieben wie ihre richtige Mutter. Ich denke, Kinder stehen der Familie ihrer Mutter immer besonders nah. Bei uns ist die gute Seele, der Kompass in unserem Leben.

Ein schönes Schlusswort, das wohl überall auf der Welt Berechtigung hat. Hinzufügen möchte ich nur noch, dass ihr mehr von Simi und Sanjita nachlesen könnt in meinem Buch „Zwischen Karriere und Krabbelgruppe“. Dort liegt der Fokus eher auf dem Leben von Simi, doch die sagte mir bei unseren Gesprächen immer wieder: „Ich möchte die Geschichte meiner Mutter widmen, ihr verdanke ich, wer ich heute bin.“

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Eingeordnet unter Frau und Job, Leben mit Kindern, Mama international, Reisen

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