Interview mit Autorin Michaela Schonhöft: Wie werden Kinder weltweit erzogen?

Autorin Michaela Schönhoft. Bild: Anke Jacob.

Autorin Michaela Schönhoft. Bild: Anke Jacob.

Auf verschlungenen Wegen lerne ich oft interessante Menschen mit verwandten Themen kennen. So wie Michaela Schonhöft. Die Soziologin lebt mit Mann und vier Kindern in Berlin. Ihr Buch „Kindheiten. Wie kleine Menschen in anderen Ländern groß werden“ erschien vor wenigen Wochen im Pattloch-Verlag. Aus unserem regen E-Mail-Austausch entstand ein kleines Interview zu diesem spannenden, sozusagen weltumfassenden Buchprojekt. Eine Rezension des Buches folgt.

Das Buch Kindheiten ist im September 2013 erschienen

Das Buch Kindheiten ist im September 2013 erschienen

1. Für Dein Buch hast Du rund um den Globus recherchiert. Wie lange hast Du daran gearbeitet und wie konntest Du die Arbeit und die Reisen mit Deiner eigenen Familie vereinbaren?

 Das Buch war ein Herzensprojekt. Drei Jahre habe ich daran gearbeitet. Die Idee dazu entstand auf einer mehrmonatigen Reise durch Thailand. Meine kleinste Tochter war damals noch ein Baby, die ältere 2einhalb Jahre alt. Wir hatten eine Auszeit vom Job genommen. Und so waren die ersten, wichtigen Recherchen sehr gut mit Familiendingen zu vereinbaren. Wir sind begeisternde Reisende. Die Arbeit zu dem Buch konnte ich also prima mit unserer Leidenschaft verbinden. Ich habe zudem viele Kontakte aus dem Ausland aktiviert, die ich geknüpft hatte, bevor die Kinder auf die Welt kamen. Ich habe eine Weile in den Niederlanden, in den USA und Südamerika gelebt, bin viel in Asien und Afrika gereist.

2.Was würdest Du aus dem gesammelten „Weltwissen der Kindererziehung“ gern übertragen in Dein eigenes Familienleben?

Vor allem Geduld! Ich habe mit sehr vielen Eltern in Ostasien gesprochen. Mich hat beeindruckt, wie entspannt viele von ihnen mit ihren kleinen Kindern umgehen, dass sie sehr viel durchgehen lassen, zwar „dranbleiben“, aber nicht ständig mit Konsequenz oder gar Strafen drohen. Man verlangt kleinen Kindern noch kein großes Verständnis ab, versucht ihnen stattdessen ein gutes Vorbild zu sein, sie immer wieder sanft auf sozial akzeptables Benehmen hinzuweisen. Es fällt oft schwer, die Perspektive von kleinen Kindern einzunehmen. Aber das bekannte Sprichwort „mit dem Kopf des anderen denken“ kann gerade bei den kleinen Trotzköpfen Wunder bewirken. In den letzten Jahren hat sich natürlich das Verständnis von psychologischen Entwicklungsstufen sehr verbessert. Trotzdem habe ich hierzulande oft das Gefühl, dass Eltern zu sehr von sich aus denken und sich sehr schwer tun, die Perspektive der Kinder einzunehmen. Das fällt wiederum zum Beispiel vor allem Eltern in Japan wesentlich leichter.

Für sehr nachahmenswert halte ich, wie selbstverständlich sich niederländische Familien Zeit für ihre Kinder nehmen, auch wenn dort die Zeiten schwieriger werden. „Feierabend ist Feierabend“, sagt sich dort ein Großteil der Arbeitnehmer, und das gilt auch für die Väter. Den Familien ist sehr wohl bewusst, wie wichtig Zeit für die Familie ist. Wir versuchen inzwischen ebenfalls mindestens einmal am Tag, meistens abends, zusammen zu essen. Ich lebe ja in einer Patchwork-Familie, mein Mann, ich, zwei Teenager, zwei Kleinkinder. Da entstehen schnell Konflikte, und gemeinsame Familienzeit ist unheimlich wichtig, um diese nicht einfach unter den Tisch zu kehren oder gar eskalieren zu lassen.

3. Was läuft in Deutschland gut, wo haben wir noch Nachholbedarf und könnten uns etwas aus anderen Ländern abschauen? Was sollten wir zum Wohl der Kinder ändern?

 

Deutschland gibt sehr viel Geld für Familienförderung aus. Das ist natürlich grundsätzlich zu begrüßen. Das Geld wird allerdings schlecht verteilt. Darauf weisen immer wieder neue Studien hin. Es sollte vermehrt in qualitativ wertvolle Betreuung und Förderung für lernschwache Kinder investiert werden. Es wird noch viel zu wenig auf Qualitätsstandards in Kindergärten, Krippen und Horte geachtet. Dabei gibt es einen solch großen Erfahrungsschatz aus dem Ausland. Viele Eltern in Deutschland haben zudem das Gefühl, Kinder sind in Deutschland nicht willkommen. Das ist natürlich nur eine Verallgemeinerung, beschreibt jedoch eine Tendenz. Kinder sollen sich möglichst nur an den für sie vorgesehen Orten aufhalten. Aus Sicherheitsgründen ist das natürlich oft angesagt. Aber Kinder sind inzwischen vielerorts einfach unerwünscht, ob in Restaurants oder in Saunen etc… Sie haben sich möglichst ruhig zu verhalten. In Italien dagegen stört sich kaum jemand an lärmenden Kindern, man erfreut sich an ihnen. Das gilt für viele andere Länder ebenso.

Gerade Mütter haben in Deutschland sehr hohe Ansprüche an sich. Sie wollen perfekte Mütter, perfekte Beruftstätige, perfekte Ehefrauen sein. Das geht oft weiter über die Belastungsgrenzen hinaus. Hierzulande haben Frauen ganz besonders den Anspruch alles selbst zu stemmen. Sie geben ungern Verantwortung ab, das wird leider auch häufig von ihnen erwartet. Das Bedürfnis Erziehung, Fürsorge für Kinder auf mehrere Schultern zu verteilen, könnte ausgeprägter sein. Es fehlen natürlich auch deutschlandweit noch die Strukturen dafür.

Vielen Dank, Michaela! Ein schönes Schlusswort erscheint mir das berühmte (und doch selten beherzigte Sprichwort) „Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind groß zu ziehen.“

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Leben mit Kindern, Mama international, Reisen

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