Die Frauenarbeitsvermeidungsrepublik

„Ich bin eben der Alleinverdiener bei uns“, erzählte  vor ein paar Tagen die männliche Hälfte einer befreundeten Familie, und wirkte dabei alles andere als glücklich. Eine in Deutschland alltägliche Situation: Vater, Mutter, zwei Töchter im Alter von 10 und 14 Jahren; Papa arbeitet im Konzern, davon werden sämtliche Ausgaben bestritten: Die monatliche Miete für das Haus, Nebenkosten, Essen, Kleidung, Urlaub, etc. Um ihn herum fallen Burnout-Kranke wie die Dominosteinchen. Er selber hält sich tapfer, aber der Druck im Konzern macht ihm zu Schaffen und er würde liebend gern in eine kleinere Firma wechseln. Doch das Gehalt sollte stimmen, denn: Er ist eben der Alleinverdiener. Seine Frau ist Akademikerin, hat aber seit der Geburt der Kinder den Hausfrauenpart übernommen und trägt monetär nichts zum Einkommen bei.  Er tat mir leid und wäre ich seine Frau, hätte ich beschlossen, dass es so nicht weiter gehen kann – ich würde mir einen Job suchen. Doch sie sass daneben und nickte nur. Die Töchter der beiden sind gute Schülerinnen im Gymnasium. Werden sie nach dem Studium und <5 Berufsjahren auch bei ihren Kindern zu Hause bleiben? Das wird ihnen schließlich vorgelebt.

aboutpixel.de / Schattenboxen © Michael Stachurski

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Eine Bekannte aus dem Turnverein war 8 Jahre Vollzeitmama und sagte gern Sätze wie „Ich muss ja nicht arbeiten, mein Mann verdient genug„. Nun hat sie doch wieder einen Job angefangen, in ihrem Bereich als Akademikerin arbeitet sie für 400 oder 450 Euro zwei Tage die Woche, macht acht Tage im Monat. Das ist Ausbeuterei auf freiwilliger Basis und bringt keinen Cent für die Rente.
Ich habe die Tage einen aufrüttelnden FAZ-Artikel auf Facebook gepostet, der Frauen zum Sparen gegen die Altersarmut aufruft. Warum verdrängen wir dieses Thema so gern oder verweisen auf den gutverdienenden Ehemann (statistisch hält leider höchstens die Hälfte der Ehen lang genug)? Vermutlich „liegt es daran, dass die Zahlen, die wir jahrelang auf unseren Rentenbescheiden lesen, so klein sind, dass man sie gut übersehen kann.“ (FAZ-Link)

Am Wochenende sprach ich auf der „Schön&Gut Messe“ in Münsingen mit einer mittelständischen Textilunternehmerin, sie stellt Strickmode aus Biobaumwolle her und sucht händeringend nach qualifizierten Arbeitskräften. „Bei uns im Dorf gibt es genug Frauen zwischen 35 und 45, deren Kinder groß genug sind und die beruflich wieder durchstarten könnten – bei mir auch gerne in Teilzeit. Aber stattdessen verdingen sich gelernte Industriekauffrauen lieber auf 450-Euro Basis als Putzkraft oder beim Discounter an der Kasse.“ Sie selbst würde gern in ein paar Jahren in Rente gehen, doch dafür muss sie erst noch einiges an privater Altersvorsorge ansparen – das werden auch manche der Frauen noch merken, die auf Sozialversicherungsabgaben pfeifen.  Wer schon einmal auf Lohnsteuerklasse 5 gearbeitet hat, weiß auch, warum viele lieber nur einen Minijob annehmen – es bleibt oft kaum etwas übrig vom Teilzeitgehalt. Daher gehört unser unsägliches Steuergesetz (übrigens das komplizierteste weltweit) reformiert. Eine Abschaffung des Ehegattensplittings und eine gerechtere Besteuuerung könnte für mehr Anerkennung von  Teilzeitarbeit sorgen. Dazu findet sich ein sehr interessanter Leitartikel auf der Seite des VBM (Verband berufstätiger Mütter):

Ehegattensplitting, kostenlose Ehefrauen-Familien-Mitversicherung & Co – weg mit den diskriminierenden

aboutpixel.de / Schattenboxen © Michael Stachurski

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Regelungen im Steuer- und Sozialrecht

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Frau und Job, Politik

Eine Antwort zu “Die Frauenarbeitsvermeidungsrepublik

  1. Martina Koch

    Ja, das ist der leidige Satz mancher Ehefrauen: „wir können es uns leisten, dass ich nur als Geringfügig Beschäftigte arbeite!“ Es ist schwer dabei ruhig zu bleiben und das „WIR“ zu hinterfragen!
    Auch die im Familienunternehmen mitarbeitende Ehefrau weiß anscheinend das“WIR“ nicht genau zu definieren, wenn Sie sagt: “ wir können uns in unserem Unternehmen eine andere Bezahlung für mich nicht leisten ( von Fort-und Weiterbildung spricht sie gar nicht)!!!!!!
    Es bleibt uns noch viel Überzeugungs-und Aufklärungsarbeit!

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