Buchvorstellung „Wunder muss man selber machen“ von Sina Trinkwalder

 Sina Trinkwalder aus Augsburg zog Ende 2009 einen Schlussstrich unter ihr Dasein in der Werbebranche, um etwas Sinnvolles zu schaffen: Eine Näherei, in der Arbeitslose die Chance bekommen,  ökologische Bekleidung in Deutschland herzustellen. 2010 wurde Manomama geboren, ein soziales Textilunternehmen in privater Hand. Über das Abenteuer Manomama hat sie 2013 ein Buch vorgelegt. Es heißt „ Wunder muss man selber machen – Wie ich die Wirtschaft auf den Kopf stelle“.cover_SinaT

Angesichts meiner Vergangenheit musste ich dieses Buch unbedingt lesen. Ich entstamme einem schwäbischen Textilunternehmen, das nach manchen Hochs, vielen Tiefs und folglich schrumpfenden Mitarbeiter- sowie Verkaufszahlen 2008 während der Wirtschaftskrise schließlich dicht machte. Damals habe ich fieberhaft überlegt, wie wir uns durch eine Neuorientierung am Markt halten könnten. Leider gab es dieses Buch zu der Zeit noch nicht. Es hätte mir auf jeden Fall Stoff zum Nachdenken geliefert.

Bereits viele Jahre bevor wir unseren Bekleidungsbetrieb schlossen, wurde ich immer mal wieder erstaunt gefragt: „Was, euch gibt es immer noch? Die meisten Textiler haben doch längst dichtgemacht in Deutschland – billige Konkurrenz aus Asien und so“. Diesem Vorurteil wollte Trinkwalder sich nicht beugen. Mit halsbrecherischem Mut zum Risiko investierte sie in Näh- und Zuschneidemaschinen und holt arbeitslose Näherinnen von der Straße.

 

Wer bitte gründet im 21. Jahrhundert eine Textilfabrik in Augsburg?

Das Buch nimmt die Leser in 20 Kapiteln mit von der spontanen Idee über die zahlreichen Hürden bis hin zur Etablierung von Manomama mit festen Auftraggebern. Wenn ich heute bei DM einkaufe, schaue ich die bunten Stofftaschen dort an und denke mir:„Euch kenn ich doch, ihr werdet in Augsburg genäht“. Bei Manomama nämlich.

Wie ein roter Faden zieht sich Sinas Bauchgefühl durch das Buch. Wie sie Entscheidungen trifft, dürfte klassischen Unternehmensberatern einen Herzinfarkt bescheren. Dabei erweist sich ihr sozialer und betriebswirtschaftlicher Spürsinn als enorm treffsicher.

Die erzählerischen Rückblicke im Buch wechseln sich ab mit thematischen Ausflügen. In Sinas Betrachtungen wird abgerechnet mit Globalisierung, Politik, Wirtschaft und Staat. Auch scheinheilige Promis und sogar die Bio- und Ökobewegung bekommen ihr Fett weg. In „Teilhabe statt Umverteilung“ zum Beispiel bringt sie ihre Auftragskalkulation auf den Punkt: „Nennen Sie mir den Preis, der für Sie ausreichend und für mich fair ist.“

Hochleistungsrosinenpicken“ handelt von der geistigen und körperlichen Ausbeutung von Mitarbeitern, die in vielen Unternehmen zu ökonomischem Verbrauchsgut degradiert worden seien. „In unserem Land ist für jeden Menschen etwas zu tun“ setzt Trinkwalder dem entgegen. Sie glaubt nicht nur an die Bedeutung eines selbstverdienten Lebensunterhalts, sie will vor allem Menschen auf der Verliererseite des Lebens den Zugang dazu ermöglichen. Indem sie selbst Arbeitsplätze schafft.

Für ihr Engagement erhielt Sina Trinwalder bereits zahlreiche Preise und war Gast in diversen Talkshows. Sie ist verheiratet mit einem Mann, der zwischen den Zeilen sehr sympathisch rüber kommt, sich viel um den gemeinsamen Sohn kümmert und ihr den Rücken freihält für ihre Mission vom fairen Unternehmertum.

Selbstverdientes Auskommen = Selbstvertrauen und Wertschätzung

Manomama stellt möglichst solche Menschen ein, die auf dem regulären Arbeitsmarkt keine Chance (mehr) haben. „Warum machst du dir es doppelt schwer?“ wird Sina dazu im Buch von einem Lieferanten gefragt. Denn einen Textilbetrieb in Deutschland zum Laufen zu bekommen ist schon mit motiviertem Fachpersonal eine Kunst. Ihre Antwort: „Weil es um Gerechtigkeit geht. Schau, wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Das ist an sich nicht schlecht, sehen wir einmal von den perversen Auswüchen ab. Wenn wir uns kennenlernen, fragen wir einander nicht, wie es uns geht, sondern erzählen uns, welcher Arbeit wir nachgehen. Wir definieren uns über Arbeit. Haben wir nichts Berufliches zu erzählen, sind wir nicht interessant. Wir gehören nicht dazu. Schlimmer noch: Als Arbeitsloser bist du nicht nur am Rande unserer Gesellschaft, die Arbeitenden verachten dich. Weil du ihnen auf der Tasche liegst. Staatsgeld verprasst. Du wirst krank, depressiv, und der Strudel zieht dich immer tiefer hinunter. (….) Ich habe viel Energie in die Wiege gelegt bekommen. Wieso sollte ich nicht meine Kratt für jene Menschen aufwenden, die sie brauchen? Wenn die Stärkeren viel mehr auf die Schwächeren in unserer Gesellschaft achten würden, wäre uns allen geholfen.“ (Aus: „Wunder muss man selber machen“ von Sina Trinkwalder, Seite 248)

Risiko? Her damit.

Beeindruckt hat mich die Art und Weise, wie sich Trinkwalder das komplette Know-how von industrieller Nähtechnik bis Zuschnitt selbst beibringt. Wie sie sich ohne Sicherheitsnetz auf eine fremde Branche und neue Menschen einlässt, auf die Gefahr hin, dabei kräftig auf die Schnauze zu knallen. Und das tut sie. Aber wie meine Mutter immer sagte: Hinfallen ist keine Schande, du musst eben immer wieder aufstehen. Und das tut Trinkwalder natürlich auch, ihr Kampfgeist springt einen beim Lesen an wie ein wildgewordenes Känguru. Im Klappentext wird sie denn auch charakterisiert als „Schrecken der Arbeitgeberverbände“. Das klingt plakativ, aber sie ist kein Schrecken. Vielmehr ein Vorbild, das gerechte Löhne bezahlt und in Deutschland am freien Markt faire Bekleidung produziert. Fazit: Sehr lesenswert.

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Eingeordnet unter Frau und Job, Politik, Wiedereinstieg Teilzeit und Motivation

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