Working mum in Africa – ein Zugbekanntschaft

Eine Frau in Afrika kann tun, was sie will. Meiner Meinung nach kommt es nicht auf die gesellschaftlichen Vorgaben an, sondern allein darauf, was eine Frau und Mutter erreichen möchte,“ so Isi. Die 32-jährige Afrikanerin lebt mit Mann und zwei Kleinkindern an der Elfenbeinküste und arbeitet an ihrem Doktor in Geologie. Haushalt und Kinderbetreuung übernimmt eine Nanny, die sie mit 35 Euro im Monat anscheinend durchschnittlich bezahlt. Sie sagt: „Manchmal verstehe ich euch Deutsche nicht. Ich kenne so viele Afrikaner, die alles dafür tun würden, um einen deutschen Pass zu haben. Aber ihr wisst nicht zu schätzen, was ihr habt.“

Bild: pixelio, Thorben Wengert "Nachrichten"

Bild: pixelio, Thorben Wengert „Nachrichten“

Wer ab und zu ICE fährt, kennt die Wagenstandsanzeiger am Bahnsteig. Auf meiner letzten Fahrt mit der Deutschen Bahn hatten sie die Wagen des ICE in der umgekehrten Reihenfolge angehängt, ein Wagen fehlte ganz. Chaos am Bahnsteig und im rollenden Zug war inklusive. Mittendrin traf ich Isi, eine an der Elfenbeinküste lebende Nigerianerin, die just eine Reihe hinter mir einen Platz im Wagen Nummer zwei reserviert hatte. Ich nahm sie mit ihren riesigen gelben Lidl-Tragetaschen ins Schlepptau und wir fanden schließlich im völlig überfüllten Zug (es war Freitagabend) unsere Plätze. Unser Gespräch über Vorurteile und Vereinbarkeit von Familie und Beruf hat mich nachdenklich gemacht.

Isi: „Meiner Meinung nach kann eine gebildete Frau in Afrika alles erreichen, sie braucht sich keinen gesellschaftlichen Konventionen beugen. Nimm mich zum Beispiel. Vor zwei Jahren habe ich mit meinen Kindern (2,5 und 1 Jahr alt) hier in Deutschland studiert und bin gut zurrecht gekommen mit finanzieller Unterstützung meines Mannes. Vier Monate lebte er hier bei uns und nahm mir alles ab: Er kaufte ein, putzte, wickelte die Kinder, kümmerte sich um sie. Zurück in Afrika verzieht er sich wieder hinter seine Zeitung. Als ich ihn darauf ansprach, meinte er: „wir haben hier ja Personal, warum soll ich da die Kinder wickeln“. Und er hat ja recht, ich selbst gebe auch den Großteil der Arbeit an unsere Nanny ab. Sie kostet uns keine 50 Dollar im Monat, wohnt unter unserem Dach und kümmert sich um Haushalt und Kinder.

Hier wurde ich stutzig. Einerseits freue ich mich mit Isi für ihre idealen Ausgangsbedingungen. Andererseits ist mir die Vorstellung unerträglich, die „soziale Schere“ würde sich auch bei uns so weit öffnen, dass Normalbürger Hausangestellte aus der „Portokasse“ bezahlen können.

Isi: Momentan arbeite ich an meinem Doktortitel in Afrika. Hier in Deutschland bin ich lediglich für ein zweiwöchiges Seminar, solange passen Verwandte in Afrika auf meine Kinder auf. Meine Lage zu Hause an der Elfenbeinküste ist heute recht entspannt, vor allem dank einer günstigen Haushalftshilfe. Ich habe auch Freundinnen in Madagaskar und Burundi, berufstätige Mütter mit Nannys, die sich um Wäsche, Haushalt, Essen und Kinder kümmern. Dadurch können sie auf der Karriereleiter nach oben steigen, nur ihr eigener Horizont ist die Grenze.

Auf der anderen Seite kenne ich Frauen wie meine Schwägerin. Sie hat eine kleine Tochter und will weder studieren noch arbeiten, lieber möchte sie ihr Kind aufziehen. Das ist natürlich ihre Entscheidung, aber die Gesellschaft erwartet das nicht von ihr, um sie eine gute Mutter zu nennen.

Isi, du hast zwei Jahre als studierende Mutter in Deutschland gelebt, wie hast du unser Land erlebt?

In Deutschland ist die gesellschaftliche Meinung sehr wichtig, sie gibt vor, wie ihr zu Leben habt. Deshalb bekommen immer weniger Paare hier Kinder, weil sie sie als Bürde, als Hindernis betrachten.

Kürzlich sprach ich in Frankfurt mit einem deutschen Mädchen, sie war durch die Abiturprüfung gefallen und wollte nun ein Jahr als Au-pair nach Australien. Ich sagte zu ihr: Du lebst hier in Deutschland, dir stehen soviele Möglichkeiten offen, und da willst du als Au-pair den Haushalt machen und Kinderpopos wischen? Manchmal verstehe ich euch Deutsche nicht. Ich kenne so viele Afrikaner, die alles dafür tun würden, um einen deutschen Pass zu haben. Aber ihr wisst nicht zu schätzen, was ihr habt.

Ich habe hin und her überlegt, ob ich über dieses Gespräch bloggen soll, denn ich wollte NICHT den Eindruck erwecken, wir bräuchten in Deutschland auch Nannys, die für 50 Euro im Monat arbeiten, und die Frage der Vereinbarkeit wäre geritzt. Die Diskussion ist bei uns vor allem emotional und ideologisch aufgeladen, auch wenn wir viel über (Eltern-/Betreuungs-)Geld diskutieren. Dafür entschieden habe ich mich, weil ich seit einiger Zeit Berichte über die wirtschaftliche Entwicklung vieler Regionen Afrikas verfolge. Kürzlich schrieb der SPIEGEL in einer Afrika-Serie „Warum Afrika viel besser ist als sein Ruf“. Auch Isi erzählte, sie begegne bei uns oft stereotypen Afrikabildern, dabei wäre ihre Heimat modern und gut entwickelt, sie entspräche so gar nicht dem Bild von Buschhütten und hungernden Kindern. So wenig wie Oslo und Neapel einander gleichen, so wenig können wir Afrika durch eine einheitliche Brille sehen. Daher teile ich dieses kleine Streiflicht auf meine Zufallsbekanntschaft mit euch.

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Familienfreundlich?!, Frau und Job, Mama international, Reisen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s