Lesetipp: Mütter – die letzte Fiktion unserer Zeit?

GEO-Wissen MÜTTER

Über die Feiertage fand ich Muse, mich durch die vor Weihnachten erschienene Ausgabe von GEO Wissen zu schmökern. Sie handelt von „der wohl wichtigsten Frau im Leben der meisten Menschen: der eigenen Mutter“.

gelesen und für interessant befunden: GEO-Heft "Mütter"

gelesen und für interessant befunden: GEO-Heft „Mütter“

Vom Ende der deutschen Mutter und dem Beginn der Mütter

Besonders spannend fand ich die Gesellschaftsreportage „Gesucht: die neue Mutter“ von Christoph Kucklick. Ausgehend vom Stereotyp „Mütter haben sanft und opferbereit zu sein“ widerlegt er systematisch die Mutterschaft als „letzte Fiktion unserer Zeit“. In dem er zeigt: Es gibt nicht DIE gute Mutter, es gibt unendlich viele Spielarten. Dabei treten auf: Eltern dank Leihmutterschaft; eine frischgebackene 64-jährige Mutter; eine SOS-Kinderdorf-Mutter; eine Familie mit acht Kindern, die seit dem vierten Kind manchen Bekannten als „asozial“ gilt (so geht es meiner Freundin mit vier Kindern ebenfalls); Karrierefrauen mit eingefrorenen Eizellen; Adoptiveltern; zwei Kinder in einer Wohngemeinschaft mit ihren Vätern und Müttern, einem lesbischen und einem schwulen Elternpaar, etc.

Kucklick entlarft – wie andere vor ihm – den gerade im Westen Deutschlands häufig anzutreffenden „Kult der totalen Mutterschaft“ als Erbstück des deutschen Kaiserreichs und des Nazionalsozialismus. Und er zeigt durch viele Beispiele aus dem In- und Ausland, das diese Form der Überforderung völlig unnötig ist. Es gibt ja dieses bekannte Sprichwort „Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind groß zu ziehen.“ Daran erinnert mich der Tenor des Artikels: Um die angestrebte Gelassenheit zu realisieren, könnten viele gestresste Mütter auf die Rolle als „Zentralgestirn“ im Leben ihrer Kinder verzichten zu Gunsten anderer Bezugspersonen: allen voran den Vätern, daneben andere Familienmitglieder, Tagesmütter, ErzieherierInnen usw.

Am Ende des Artikels findet sich eine wenig überraschende aber meist vernachlässigte Tatsache: „Mütter sind dann am glücklichsten, wenn sie das Leben führen können, das sie sich wünschen.“ Ein Plädoyer für die Vielfalt des Mütterlichen.

Mütter und ihre Kinder

Im Abschnitt „Mütter und ihre Kinder“ beleuchtet GEO Wissen zunächst in Worten und Bildern das Wunder des Lebens, das Rätsel der Schwangerschaft und um Ähnlichkeiten zwischen Eltern und Kindern. Außerdem geht das Heft Fragen nach wie „Typisch Junge, typisch Mädchen?“, „Ist Mutterliebe angeboren?“ (scheinbar nicht), „Wie entkommt Frau der Perfektionismus-Falle?“ und – wie kann das Thema in einem deutschen Heft zu diesem Thema fehlen – „Wann ist es Zeit für die Kita?“ (es kommt darauf an).

Fazit

Die Reportagen und Texte im Heft teilen sich in zwei Blickwinkel: „Mütter und ihre Kinder“ und „Kinder und ihre Mütter“. Dazu gibt es jeweils zwei Tests, der erstere verspricht Aufschluss über die Beziehung zur eigenen Mutter, der zweite will die leidige Frage „bin ich eine gute Mutter?“ beantworten. Solche Psycho-Tests für den Hausgebrauch sind Geschmackssache, davon abgesehen fand ich jedoch viele aufschlussreiche Analysen und Betrachtungen in den 16 versammelten Texten und kann das Heft daher absolut empfehlen.

Das Heft GEO WISSEN Nr. 52 „Mütter“ umfasst 164 Seiten und kostet in Deutschland 9,50 Euro.

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Frau und Job, Leben mit Kindern

Eine Antwort zu “Lesetipp: Mütter – die letzte Fiktion unserer Zeit?

  1. Vielen Dank für die Empfehlungen des GEO Wissen Sonderhefts „Mütter“. Stimmt, Mütter sind „dann am glücklichsten, wenn sie das Leben führen können, das sie sich wünschen“. Aber welche Mutter kann sich heute noch den Wunsch leisten, einige oder gar viele Jahre mit Zwangsehrenamt familiäre Care-Arbeit in Vollzeit zu verbringen? Das ist ein Luxus für Begüterte geworden. ohne die finanzielle Gleichstellung von Eltern und Kinderlosen gibt es keine echte „Wahlfreiheit“ sondern nur die Freiheit, das „politisch-wirtschaftlich Gewollte“ zu wählen.
    Und gilt nicht möglicherweise auch für Kinder, dass sie am glücklichsten sind, wenn sie das Leben führen können, welches sie sich wünschen?
    Was meinen Sie, wie viele ein- und zweijährige Kinder „wünschen“ sich, an jedem Werktag für 4, 6 oder gar 8 Stunden außerhalb der Reichweite ihrer engsten Bezugspersonen zu sein?
    Genau – gar keines!

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