Solch einen Lehrer hätte ich mir auch gewünscht

Gelesen: „Davids Liste – Was bleibt, wenn ich gehe“ von David Menasche

DavidsListe

Wir leben, als wäre unser Leben unendlich

„Wie wir leben, liegt ganz an uns. Ich hatte einen Vorteil gegenüber vielen anderen Leuten: Ich glaubte inzwischen wirklich, dass ich sterben würde.“ Das hatten ihm die Ärzte gesagt. Sechs Jahre leben mit dieser Art Gehirntumor, „das war ein echter Glücksfall“. David begriff, dass er sterben würde, wogegen „die meisten Leute denken irgendwie, der Tod betrifft sie nicht. Sie leben, als wäre ihr Leben unendlich.“ (Die Zitate stehen im Buch auf S. 111/112)

 

Prioritäten setzen

Der ehemalige Skateboard-Punk und leidenschaftliche Lehrer David Menasche baute ein Leitmotiv in seinen Unterricht ein: die Prioritätenliste. Seine Schüler bekamen von ihm in regelmäßigen Abständen die Aufgabe, für sie lebenswerte Begriffe aufzuschreiben in der Reihenfolge ihrer Bedeutung. Eine Liste könnte so aussehen:

 

Abenteuer

Privatsphäre

Respekt

Unabhängigkeit

Freundschaft

Liebe

Familie

 

Solche Prioritätenlisten scheinen in den USA nicht ungewöhnlich zu sein. Bei uns sind sie meines Wissens höchstens als Zeitmanagementinstrument bekannt, aber nicht als Lebenshilfe. Durch die Listen bringt Menasche seine Schüler dazu, über sich selbst nachzudenken und darüber, was für sie im Leben gerade wirklich zählt. „In der Highschool gab es so viele Erwachsene, die uns unter Druck setzten (…), die uns sagten, worauf wir uns konzentrieren sollten und worauf nicht: Freunde, Noten, Geld, Beliebtheit. (…) Nur wenige Erwachsene zeigten uns die Möglichkeit, vorn anzufangen, in uns selbst, und unsere eigenen Prioritäten zu setzen. Die Liste zwang uns dazu, uns selbst anzuschauen und uns zu fragen, worauf wir tatsächlich Wert legten. Aber sie tat es auf eine Weise, die uns keine Angst machte und keinen Druck ausübte. Sie half uns, uns selbst kennenzulernen, damit wir entscheiden konnten, was für eine Art von Erwachsenen wir werden wollten„, erzählt Menasches ehemalige Schülerin Melissa Rey auf Seite 73.

 

Schicksalsschlag und Couchsurfing

Das Buch „Davids Liste“ ist eine Autobiographie mit Ratgebercharakter und als solches durchaus lesenswert. Auch wenn er vor allem erzählt, was wir eigentlich wissen, aber ungern hören und noch weniger beherzigen: Unser Leben ist endlich und es liegt an uns, was wir damit anfangen.

David Menasche, Lehrer aus Miami, hat dieses Buch als Vermächtnis geschrieben, nachdem er an einem unheilbaren Hirntumor erkrankt und ihm die Ärzte sagten, er hätte nur noch wenige Monate zu leben (vermutlich steht das Leben ganz oben auf seiner Prioritätenliste, jedenfalls ist er laut seiner Facebookseite alles andere als tot). Am Unterrichten hält er lange fest, rennt zwischendurch aufs Klo um zu kotzen und steht gleich darauf wieder vor der Klasse, als sei nichts gewesen. Irgendwann ist er tatsächlich zu schwach zum Unterrichten. Da kommt ihm die Idee zu einer Reise, auf der er möglichst viele seiner früheren Schüler wiedersehen will.

Via Facebook startet er einen Aufruf , viele melden sich und laden ihn zu sich ein. So macht David Menasche sich per Anhalter und Zug auf. Er fährt quer durch die USA und übernachtet als „Couchsurfer“ bei ehemaligen Schülerinnen und Schülern. Schwerkrank und beinahe erblindet, ist er dabei immer wieder auf die Hilfe fremder Menschen angewiesen. In New York City bewahrt ihn  Sarah Jessica Parker zufällig davor, von einem Taxi überrollt zu werden. Sicherheitshalber begleitet sie ihn zwei Blocks weiter zu einer Bar, in der er sich mit seinem Ex-Schüler Sergio treffen will. Der klärt David erst mal auf, wer da gerade Fremdenführerin für ihn gespielt hat.

 

Was bleibt von mir?

Menasche will herausfinden, ob er und seine Liste nachhaltigen Eindruck auf seine Schülerinnen und Schüler gemacht haben, wie und ob er ihren Lebensweg geprägt hat. Dass er sein Ziel erreicht hat, belegen die vielen Briefe und Kommentare ehemaliger Schüler, mit denen das Buch gespickt ist. Für David Menasche wird die Reise zur Bestätigung. Gleichzeitig findet er einen besseren Zugang zu sich selbst. Auf seiner persönlichen Prioritätenliste stand die Hingabe an seine Schüler immer ganz oben. „…seit meiner Reise habe ich begriffen, dass ich bei ihnen (den Schülern) auch Priorität habe “ sagt Menasche am Ende des Buchs.

 

Was geben wir unseren Kindern mit?

Einen Lehrer wie David Menasche zu haben, ist sicherlich ein Glücksfall. Ich konnte mir meine Lehrer in der Schule nicht aussuchen, meine Kinder können es ebenso wenig. Doch als Eltern sind wir von Anfang an die Lehrer unserer Kinder. Ich mag keine Erziehungsratgeber, aber ich glaube fest daran: „Du kannst deine Kinder nicht erziehen. Sie machen dir sowieso alles nach.“ Und was hören sie von mir viel zu oft? „Keine Zeit“, „Lass das“, „trödel nicht so rum“. Sind das etwa meine Prioritäten? Und wenn ich mir endlich die Zeit nehme, mit ihnen zu spielen, ein Buch zu lesen oder zu musizieren, dann höre ich schon mal: „Keine Zeit Mama, ich will mit Leon spielen“. Diese Woche habe ich meinem jüngeren Sohn an zwei Tagen morgens noch eine Seite aus seinem heißgeliebten Tierbuch vorgelesen. Das dauerte gar nicht lang und war sehr nett. Als er mich fragte, ob ich Zeit hätte, sagte ich: „ich nehme mir Zeit für dich“. Prompt kam die Antwort: „Das finde ich gut Mama, dass du dir Zeit nimmst“. Ich will es viel öfter tun. Denn unterm Strich zählt genau das: Zeit mit den Menschen zu verbringen, die uns am Herzen liegen. Ihnen zuzuhören und sie darin zu bestärken, an ihren Träumen festzuhalten. Schließlich ist unser Leben voll unendlicher Möglichkeiten. Und es ist dennoch endlich, daran sollten wir ab und zu denken, wenn wir unsere Prioritäten setzen.

 

Buch-Info:

David Menasche: „Davids Liste. Was bleibt, wenn ich gehe“ ist 2014 erschienen im KNAUR Verlag, Reihe Menssana, ISBN 978-3-426-65738-6

 

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