Papa in Kolumbien: “Menschlichkeit ist wie ein Samen” (Teil 2)

Aus dem Leben eines engagierten Papas – hier folgt der zweite Teil von Alveiros Geschichte. Bis Weihnachten gibt es wöchentlich ein neues Kapitel mit Einblicken in sein Leben, beruflich und privat. Über euer Interesse und eure Kommentare freue ich mich und wünsche euch eine spannende Lektüre.

Kolumbien ist eine Kultur, in der wir unsere Zeit zwischen Familie und Arbeit aufteilen müssen. Dabei kommt die Familie in der Regel zu kurz, denn die durchschnittliche Arbeitszeit beträgt 48 Stunden pro Woche. Teilzeitstellen gibt es kaum, der Verdienst würde schlichtweg nicht ausreichen, um über die Runden zu kommen. Vor allem in den Städten kommt zur eigentlichen Arbeit eine An- und Abreise von oft über einer Stunde hinzu. Es ist also nicht ungewöhnlich, wenn wir 12 Stunden am Tag außer Haus sind, um zu arbeiten. Viele Kolumbianer sehen ihre Kinder daher kaum. Sie verlassen das Haus, wenn diese noch schlafen und kehren erst spät wieder heim, vor allem wenn sie abends eine Fortbildung besuchen.

Zum Glück sind da häufig Großeltern, die sich um die Kinder kümmern. Der familiäre Zusammenhalt in Kolumbien ist stark und erleichtert es, Kinder groß zu ziehen. Bei uns im Haus lebt die alleinstehende Tante meiner Frau, seit unsere erste Tochter zur Welt kam – ein wahrer Segen. Auch meine Frau arbeitet schließlich 48 Stunden die Woche. Wenn Termine anstehen, wie zum Beispiel ein Elternabend, sprechen wir uns rechtzeitig ab, um diese wahrnehmen zu können. Auch meine Geschäftsreisen lege ich mit Rücksicht auf meine Familie. Zwar habe ich einen verantwortungsvollen Posten, doch die Familie steht stets an erster Stelle. Es ist schon vorgekommen, dass ich eine geplante Geschäftsreise abgesagt habe, weil ich zu Hause gebraucht wurde.

 

Gewalt im Alltag

Wir Kolumbianer müssen friedlichere Menschen werden. Bewaffnete Konflikte, Drogenhandel, Gewalt auf der Straße und in den Familien behindern seit Jahrzehnten die Entwicklung einer friedfertigen Gesellschaft. Millionen meiner Landsleute haben im Lauf der Jahre ihre Heimatregionen verlassen. Sie stranden als Vertriebene am Rand der überfüllten Städte, in der verzweifelten Hoffnung auf ein besseres Leben. So ging es auch meiner Frau und mir, als wir noch Kinder waren und mit unseren Familien fliehen mussten.

Schon als Kind wollte ich etwas erreichen und habe mir stets Ziele gesetzt. Heute leite ich eine Organisation, die psychologische und materielle Unterstützung leisten kann. Mit der YMCA (zu deutsch: CVJM, Christlicher Verein Junger Menschen) helfen wir vertriebenen Kindern und Jugendlichen beim Ankommen, versuchen ihnen Selbstbewusstsein zu vermitteln und eine Perspektive. Wir wollen sie stärken und ihnen die Augen öffnen für bessere Alternativen, als die, sich einer bewaffneten Gruppierung anzuschließen. Nur so lässt sich die Spirale von Armut und Gewalt ausbremsen. Weißt du, Menschlichkeit ist wie ein Samen, es braucht nicht viel um ihn zu pflanzen, aber er kann großartige Früchte tragen.

Unsere Probleme sind zu groß, als dass eine Regierung sie lösen könnte. Daher bringt es nichts, die Verantwortung allein dem Staat zuzuschieben. Jeder einzelne kann in seinem Umfeld hinschauen, den Mund aufmachen, ein Mentor sein. Schließlich sehnt sich der Großteil der Kolumbianer nach Frieden. Weniger potentielle Akteure heranzuziehen ist unsere einzige Chance, diese Sehnsucht zu erfüllen. Denn Schuld am kolumbianischen Konflikt sind in erster Linie nicht die Waffen, sondern die Menschen.

 

 

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Familienfreundlich?!, Leben mit Kindern, Mama international, Politik, Reisen

Eine Antwort zu “Papa in Kolumbien: “Menschlichkeit ist wie ein Samen” (Teil 2)

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