Archiv der Kategorie: Politik

Papa in Kolumbien: YMCA als Sprungbrett (Teil 9)

Dank seiner aufgeschlossenen Art und guter Englischkenntnisse steigt Alveiro beim YMCA ein und auf:

Boyscout Camps und neue Freunde

Mein erster Auftrag führte mich während den Sommerferien nach Pennsylvania in ein Boyscout Camp, eine Art Pfadfinderlager. Kurz darauf hängte ich den Verkäuferjob an den Nagel und wurde Vollzeitlehrer. Während der Sommerferien nahm ich wieder einen Job als Campguide an, für drei Monate im Upstate New York. Wieder traf ich einen Menschen, der mich einen Schritt weiterbrachte: Er bot mir die Teilnahme an einem Traineeprogramm für „Recreation“ (Freizeitgestaltung) an. Die 18-monatige Ausbildung fand im US-Bundesstaat Conneticut statt. Während dieses Aufenthalts tauchte ich ein in die Kultur des Landes und lernte wirklich gut Englisch zu sprechen.

 

Programmdirektor und Lehrer

Im Jahr darauf bot mir die YMCA Kolumbien an, das International Camp Counselor (ICCP)-Programm auf ehrenamtlicher Basis zu leiten.[1] Nebenher arbeitete ich weiterhin als Englischlehrer. Sieben Jahren später berief mich die internationale YMCA nach New York City, wo ich ein halbes Jahr in administrativen Dingen geschult wurde. Zurück in Kolumbien wollte die damalige Geschäftsführerin der YMCA Kolumbien mich in Vollzeit einstellen. Das kam sehr unerwartet. An für sich war ich glücklich als Lehrer, ich unterrichtete zu der Zeit an zwei verschiedenen Universitäten und verdiente genug Geld, um meinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Der Job bei der YMCA versprach mehr Arbeit und weniger Geld. Doch sie blieb hartnäckig: „Ob in Teil- oder Vollzeit, ich will dich hier an der YMCA Bogota haben. Du hast viele Talente und passt gut hier her.“ Sie verpasste mir eine Art Gehirnwäsche, in dem sie mir quasi täglich vor Augen hielt, wie viel ich bereits von der Organisation profitiert hätte, dass ich diese Erfahrungen weitergeben sollte und Geld schließlich nicht alles wäre. Schließlich stimmte ich einer Vollzeit-Anstellung zu, behielt aber meinen Abendjob an der Uni bei.

 

Von der Mutterschaftsvertretung zum Generalsekretär

Fünf Jahre später sollte ich dann als Mutterschaftsvertretung zusätzlich die nationale YMCA-Geschäftsführung übernehmen. „Klar, das mache ich gern“, sagte ich. Als die drei Monate um waren, kündigte meine Vorgängerin. Die Position beinhaltet viel Reisetätigkeit und sie wollte ihr Baby nicht so häufig allein lassen. So wurde ich im März 2003 unverhofft zum Generalsekretär der YMCA-Organisation Kolumbiens.

Die Camps, mit denen alles anfing, sind nach wie vor ein wichtiger Teil meiner Arbeit. Sie leisten einen erheblichen finanziellen Beitrag und sorgen dafür, dass wir nicht allein von den Beiträgen der lokalen Gruppen abhängig sind.

[1]    http://www.iccpymca.org/html/begin_customer_registration.cfm

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Papa in Kolumbien: „Mit 10 Jahren musste ich Geld verdienen“ (Teil 7)

Was reden die da?

Diese fremdartige Sprache hörte ich zum ersten Mal als Teenager, ich war damals Laufbursche in einem Hotel. Neugierig wie ich war fand ich heraus: Es war Englisch. Das wollte ich auch lernen. Und so wurde ich Englischlehrer. Doch am besten ich erzähle meine Geschichte ganz von vorne:

Meine Familie stammt aus Aguadas in der Provinz Caldas, gut zehn Stunden entfernt von Bogota. Ich habe vier Brüder und zwei Schwestern. Mein Vater war Kaffeebauer, ein einfacher Arbeiter mit geringem Verdienst. Meine Mutter kümmerte sich zu Hause um uns, sieben Kinder zu erziehen ist harte Arbeit. Immer wieder flammten bewaffnete Konflikte in unserer Gegend auf, zwischen der kolumbianischen Armee, linken und rechten Guerillakriegern. Ich war gerade sieben Jahre alt, mein jüngster Bruder noch ein Baby, als meine Eltern die Gegend verlassen mussten, um nicht selbst Opfer der Gewalt zu werden. Sie gingen mit uns nach Bogotá, wo wir Unterschlupf bei der Familie meines Onkels fanden. 14 Personen teilten sich ein einziges Zimmer. Wenn ich daran zurückdenke, weiß ich umso mehr zu schätzen, was ich heute habe.

Mein Vater fand Arbeit auf dem Bau, eine leider schlecht bezahlte Tätigkeit. Daher mussten meine älteste Schwester und mein großer Bruder zum Unterhalt der Familie beitragen, sie waren damals 14 und 16 Jahr alt.[1] Auch ich fing früh an zu arbeiten, mit 10 Jahren hatte ich die ersten Aushilfsjobs. Zunächst half ich in den Ferien auf dem Bau, schleppte Ziegelsteine und mischte Zement an. Nach der neunjährigen Regelschule wechselte ich auf die Abendschule und arbeitete tagsüber in Vollzeit.[2] So konnte ich die vollen elf Jahre zur Schule gehen und mein Abitur machen. Allerdings bin ich im Klassenzimmer oft eingeschlafen – die Arbeit auf dem Bau war anstrengend.

Nach vier Jahren hatte ich genug davon und beschloss, mir etwas anderes zu suchen. So fing ich in einem Supermarkt an, mit meinem Einkaufswagen lieferte ich den Leuten ihre Einkäufe nach Hause. Damals hatten die wenigsten Leute ein Auto und häufig sah man Jungs in den Straßen, die solche Dienste übernahmen. In sechs Monaten bekam ich dabei mehr Trinkgeld als ich vorher auf dem Bau verdient hatte. Doch dann wurde mein Einkaufswagen gestohlen. Frustriert kehrte ich zurück auf den Bau, doch in mir wuchs der Wunsch, zu studieren.

 

[1]    http://www.aktiv-gegen-kinderarbeit.de/welt/suedamerika/kolumbien/#footnote_6_2539

[2]    http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Aussenpolitik/Laender/Laenderinfos/Kolumbien/Kultur-UndBildungspolitik_node.html

pkleinIm neuen Jahr geht es weiter mit Alveiros Geschichte auf mum02.

Vielen Dank für euer Interesse. Ich wünsche euch ein glückliches, gesundes Jahr 2015 angefüllt mit wunderbaren Augenblicken.

Peggy

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Papa in Kolumbien: Sag mir wo du wohnst und ich weiß, wieviel du verdienst (Teil 6)

 

In der kolumbianischen Kultur hat der Vater traditionell für den Lebensunterhalt zu sorgen. Allerdings ändert sich diese Haltung seit einigen Jahren. Um den Kindern eine gute Ausbildung zu ermöglichen, müssen gerade in Mittelstandsfamilien beide Eltern Geld verdienen. Der kolumbianische Staat unterstützt lediglich die ärmsten der Armen, und das auch nur mit Almosen. Liegt das Familieneinkommen unterhalb des Mindestlohn von rund 450 Euro (2415 Columbian Pesos) im Jahr, bekommen sie ungefähr 50 Euro jährlich für jedes Kind. Außerdem sind die staatlichen Schulen inzwischen kostenlos, zumindest in Bogotá. Die enormen sozialen Unterschiede innerhalb des Landes erkennt man in der Hauptstadt bereits an den durchnummerierten Vierteln. Villenviertel sind Bezirke der Kategorie sechs, Armengettos tragen die Ziffer null. Von Gerechtigkeit und Chancengleichheit sind wir Lichtjahre entfernt. Denoch ist es möglich, aus dem Kreislauf von Armut und Gewalt auszubrechen. Meine Geschichte und die meiner Frau sind Beweise dafür.

Dieser kurze Post ist nur der Auftakt zu Alveiros Lebensgeschichte, mit der es gleich morgen weiter geht.

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Papa in Kolumbien: „bei uns zu Hause gibt es selten Klagen oder Beschwerden“ (Teil 4)

Meine Frau Yudy und ich stammen beide aus ärmlichen Verhältnissen, litten als Kinder unter Gewalt und Vertreibung. Dennoch bin ich stolz auf unsere Herkunft. Bis heute sind meine Eltern Vorbilder für mich. Sie waren so hellsichtig, ihre Heimat zu verlassen und einen Neuanfang zu wagen. Wie sie wollte ich immer schon hart arbeiten, um etwas aus meinem Leben zu machen. Mein Vater rauchte und trank nicht. Er lebte vor, was es bedeutet, eine Familie zu haben und einen Wertekodex. Völlig egal in welcher materiellen Situation du lebst: Was zählt sind menschliche Werte und ein enger Familienzusammenhalt. Wir hatten keine materiellen Reichtümer, aber jede Menge Liebe. Ich hatte einen guten Vater und will selbst ein guter Vater sein.

 

Inzwischen gehen unsere Töchter tagsüber zur Schule. Der Unterricht dauert von 7:30 bis 14:30, ein Schulbus holt sie morgens bereits eine Stunde vorher ab und bringt sie gegen 15:30 wieder zurück. Das öffentliche Schulsystem in Kolumbien ist leider mangelhaft. 40 bis 50 Schüler sitzen in einer Klasse und die Lehrer sind mehr damit beschäftigt, die Kinder im Griff zu haben als ihnen Wissen zu vermitteln. Unglücklicherweise ist der soziale Zusammenhalt brüchiger geworden. Drogen, Gewalt und Mobbing verschlechtern das Klima an den Schulen. Daher schicken Yudy und ich unsere Töchter auf eine Privatschule. Mit 15 bis 20 Kindern sind die Klassen klein. Doch in erster Linie sind die Mädchen dort in Sicherheit. Auch wenn sie dadurch keine normalen Durchschnittskinder sind: Wir wollen uns das leisten und haben diese Entscheidung sehr bewusst getroffen. Unsere Töchter sollen es besser haben als wir früher, dafür haben wir hart gekämpft. Manchmal erzählen wir Danna und Juliana aus unserer Kindheit. Nicht, um ihnen ein schlechtes Gewissen zu machen, sondern damit sie einschätzen können, wie gut es ihnen geht. Als sie kleiner waren haben sie sich allerdings manchmal gewünscht, dass Mama und Papa mehr Zeit mit ihnen verbringen. Aber bei uns zu Hause gibt es selten Klagen oder Beschwerden. Vermutlich weil die Kinder wissen, in welcher Kultur wir leben und dass wir Verantwortung tragen für unsere Gesellschaft.

 

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Papa in Kolumbien: “Menschlichkeit ist wie ein Samen” (Teil 2)

Aus dem Leben eines engagierten Papas – hier folgt der zweite Teil von Alveiros Geschichte. Bis Weihnachten gibt es wöchentlich ein neues Kapitel mit Einblicken in sein Leben, beruflich und privat. Über euer Interesse und eure Kommentare freue ich mich und wünsche euch eine spannende Lektüre.

Kolumbien ist eine Kultur, in der wir unsere Zeit zwischen Familie und Arbeit aufteilen müssen. Dabei kommt die Familie in der Regel zu kurz, denn die durchschnittliche Arbeitszeit beträgt 48 Stunden pro Woche. Teilzeitstellen gibt es kaum, der Verdienst würde schlichtweg nicht ausreichen, um über die Runden zu kommen. Vor allem in den Städten kommt zur eigentlichen Arbeit eine An- und Abreise von oft über einer Stunde hinzu. Es ist also nicht ungewöhnlich, wenn wir 12 Stunden am Tag außer Haus sind, um zu arbeiten. Viele Kolumbianer sehen ihre Kinder daher kaum. Sie verlassen das Haus, wenn diese noch schlafen und kehren erst spät wieder heim, vor allem wenn sie abends eine Fortbildung besuchen.

Zum Glück sind da häufig Großeltern, die sich um die Kinder kümmern. Der familiäre Zusammenhalt in Kolumbien ist stark und erleichtert es, Kinder groß zu ziehen. Bei uns im Haus lebt die alleinstehende Tante meiner Frau, seit unsere erste Tochter zur Welt kam – ein wahrer Segen. Auch meine Frau arbeitet schließlich 48 Stunden die Woche. Wenn Termine anstehen, wie zum Beispiel ein Elternabend, sprechen wir uns rechtzeitig ab, um diese wahrnehmen zu können. Auch meine Geschäftsreisen lege ich mit Rücksicht auf meine Familie. Zwar habe ich einen verantwortungsvollen Posten, doch die Familie steht stets an erster Stelle. Es ist schon vorgekommen, dass ich eine geplante Geschäftsreise abgesagt habe, weil ich zu Hause gebraucht wurde.

 

Gewalt im Alltag

Wir Kolumbianer müssen friedlichere Menschen werden. Bewaffnete Konflikte, Drogenhandel, Gewalt auf der Straße und in den Familien behindern seit Jahrzehnten die Entwicklung einer friedfertigen Gesellschaft. Millionen meiner Landsleute haben im Lauf der Jahre ihre Heimatregionen verlassen. Sie stranden als Vertriebene am Rand der überfüllten Städte, in der verzweifelten Hoffnung auf ein besseres Leben. So ging es auch meiner Frau und mir, als wir noch Kinder waren und mit unseren Familien fliehen mussten.

Schon als Kind wollte ich etwas erreichen und habe mir stets Ziele gesetzt. Heute leite ich eine Organisation, die psychologische und materielle Unterstützung leisten kann. Mit der YMCA (zu deutsch: CVJM, Christlicher Verein Junger Menschen) helfen wir vertriebenen Kindern und Jugendlichen beim Ankommen, versuchen ihnen Selbstbewusstsein zu vermitteln und eine Perspektive. Wir wollen sie stärken und ihnen die Augen öffnen für bessere Alternativen, als die, sich einer bewaffneten Gruppierung anzuschließen. Nur so lässt sich die Spirale von Armut und Gewalt ausbremsen. Weißt du, Menschlichkeit ist wie ein Samen, es braucht nicht viel um ihn zu pflanzen, aber er kann großartige Früchte tragen.

Unsere Probleme sind zu groß, als dass eine Regierung sie lösen könnte. Daher bringt es nichts, die Verantwortung allein dem Staat zuzuschieben. Jeder einzelne kann in seinem Umfeld hinschauen, den Mund aufmachen, ein Mentor sein. Schließlich sehnt sich der Großteil der Kolumbianer nach Frieden. Weniger potentielle Akteure heranzuziehen ist unsere einzige Chance, diese Sehnsucht zu erfüllen. Denn Schuld am kolumbianischen Konflikt sind in erster Linie nicht die Waffen, sondern die Menschen.

 

 

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Papa in Kolumbien: „Auf eine neue Familie kannst du dich nicht bewerben“ (Teil 1)

Vergangenen Donnerstag war ich zu Gast auf Schloss Falkenberg für eine Lesung. Statt dem einen Quotenmann waren quasi 10 Männer anwesend  (darunter allerdings auch mein eigener Mann sowie unsere beiden Söhne). Dennoch: Rekord! Für mich auf jeden Fall ein Anlass, Papas ins Rampenlicht von mum02 zu rücken. Zuletzt habe ich Andi aus Schweden hier vorgestellt, das ist schon eine Weile her. Zum Thema „working dads international“ möchte ich euch Alveiro aus Kolumbien vorstellen. Ihn habe ich über sein Leben als engagierter Papa mehrfach interviewt. Entstanden ist ein ausführliches Kapitel über das Familien- und Arbeitsleben in einem Land, das ganz andere Regeln folgt als unseres.

Acht Wochen vor Weihnachten fällt mir dazu ein, eine Fortsetzungsgeschichte daraus zu machen, eine andere Art Adventskalender, verpackt in wohlbekömmliche Päckchen. Claro que sí!

Alveiro mit seiner Familie

Alveiro mit seiner Familie

Steckbrief Kolumbien.

Einwohner: 46 Millionen

Fläche: 1,141 Mio. km2
Hauptstadt: Bogotá; ca. 7,3 Mio. Einwohner

Regelarbeitszeit: 48 Stunden pro Woche

Finanzielle Unterstützung für Familien / Mutterschutz und Elterngeld: Drei Monate Mutterschutz, beginnt eine Woche vor dem Geburtstermin. Väter bekommen nach der Geburt fünf Tage frei. Die Kinderbetreuung wird meist privat geregelt.

Zahlenquelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Kolumbien

 

Sie ziehen sich wie eine Perlenkette durch Alveiros 50-jähriges Leben: Menschen, die an ihn geglaubt und ihn unterstützt haben. Hart zu arbeiten und für andere da zu sein ist für den Landesvorsitzender des kolumbianischen YMCA essentiell. Längst ist aus ihm selbst eine Perle geworden, ein Mentor, der es sich zum Beruf gemacht hat, Menschen weiter zu helfen. Oberste Priorität in seinem Leben haben seine Töchter (8 und 10 Jahre) – wenn sie ihn brauchen, sagt er schon mal eine Geschäftsreise ab.

„Meine Frau und ich sind seit 11 Jahren ein Paar. Wir haben zwei Töchter. Danna Sophia ist zehn geworden, Juliana acht Jahre alt. Wir stehen uns sehr nahe, reden unglaublich viel. Jeden Abend erzählen sie mir von ihrem Tag und fragen nach, was ich erlebt habe. Ich liebe meine Arbeit und früher bin ich auch liebend gerne gereist. Doch seit wir Kinder haben, sind die vielen Reisen das Schlimmste für mich. Denn dann vermisse ich meine Kinder so sehr. Zum Glück verstehen die Mädchen, dass die vielen Geschäftsreisen Teil meines Jobs sind, schließlich sind sie damit aufgewachsen. Oft helfen sie mir beim Packen. Indem ich sie involviere, erleichtere ich uns die Trennung. Umso älter sie werden, umso mehr Zeit wollen sie mit mir verbringen. Sie haben so viele Fragen. Wenn ich zwei, drei Tage weg bin, beginnen sie mich zu vermissen, sie schreiben mir E-Mails und liebe Nachrichten. Nächste Woche ist es wieder soweit: Eine kleine CVJM-Delegation aus Deutschland hat sich angekündigt und ich werde mit ihnen durchs Land reisen. Komme ich an normalen Tagen abends nach Hause, werde ich verwöhnt. Danna und Juliana massieren mich, kratzen mir den Rücken, kämmen mir die Haare. Oft höre ich: „Papa, ich liebe dich!“ Sie haben wirklich keinerlei Hemmungen, ihre Gefühle zu zeigen. Das macht mich sehr glücklich, denn ich habe uns als Familie immer dazu ermutigt. Es ist wichtig, Gefühle in Worte fassen zu können. Doch die meisten Menschen haben das nie gelernt.“

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Hans-Georg Nelles im Gespräch

11 Fragen an einen engagierten Vater: Hans-Georg Nelles von Väter & Karriere. Er hat das Thema Vereinbarkeit zu seinem Beruf gemacht und thematisiert zum Beispiel in seinem Blogbeitrag „Darf es auch ein bisschen weniger sein„, dass Karriere und Teilzeit kein Widerspruch sein dürfen – für Männer und Frauen. Das kann man nicht oft genug sagen und schreiben, bis es selbstverständlich wird. „Aber von alleine geht nichts, es braucht schon den Mut, diese Vorstellungen auch tatsächlich zu äußern und zu leben„, so Hans-Georg Nelles.

Hans-Georg Nelles auf der WomenPower 2012

Hans-Georg Nelles auf der WomenPower 2012

1.    Hand aufs Herz – wieso bloggst du?

Ich habe vor fast 8 Jahren angefangen zu bloggen, nachdem ich eine spannende Veranstaltung zum Thema Bloggen besucht habe und ich darin eine gute Möglichkeit gesehen habe, Väter und ihre Anliegen zum Thema zu machen und die Entwicklung, die ja just zu diesem Zeitpunkt durch die Diskussion um das Elterngeld an Dynamik gewonnen hat, zu dokumentieren.

2.    Woher nimmst du die Zeit dafür?

Das Thema Väter und väterbewusste (Personal-) Politik habe ich zu meinem Beruf gemacht und die Texte im Blog sind Ergebnis meiner täglichen Beschäftigung damit.

3.    Gibt es Dinge in puncto Vereinbarkeit, die du gerne von anderen Ländern oder Kulturen nach Deutschland importieren würdest?

Ich habe drei inzwischen erwachsene Kinder und das beste was mir „passieren“ konnte ist eine Partnerin, die Spaß am Beruf hat, gerne arbeitet und die uns so eine partnerschaftliche Aufteilung von Erwerbs- und Familienarbeit ermöglicht (hat).

4.    Ein Blick in die Zukunft: Wird es in zehn Jahren einfacher sein, in Deutschland Familie und Job zu vereinbaren? Oder machen wir eher Rückschritte?

Es wird nach dem Muster zwei Schritte vor, einen zurück verlaufen, aber ich bin der Überzeugung, dass die kommenden Väter und Mütter gute Chancen haben, ihre Vorstellungen gegenüber den Arbeitgebenden durchzusetzen. Aber von alleine geht nichts, es braucht schon den Mut, diese Vorstellungen auch tatsächlich zu äußern und zu leben.

5.    Wie sieht deiner Meinung nach die ideale Arbeitswelt aus?

Ideal sind Arbeitswelten, die zu den jeweiligen Bedürfnissen und Lebensereignissen von Männern und Frauen, Vätern und Müttern passen bzw. ihnen die Möglichkeit geben Arbeitszeiten und –orte so anzupassen, das gute Ergebnisse und Lebenszufriedenheit gleichermaßen erzielt werden.

6.    Bist  du lieber selbständig oder angestellt?

Ich habe 25 Jahre im Anstellungsverhältnis gearbeitet und bin jetzt seit fast 6 Jahren freiberuflich tätig. Ich kann mir nicht mehr vorstellen, von morgens bis abends an einem Schreibtisch zu sitzen und einer Tätigkeit nachzugehen.

7.    Stadt oder Land?

Das Land ist ein Sehnsuchtsraum, in den Städter Wünsche und Erwartungen projizieren. Ich brauch den Puls der Stadt. Manchmal ist es Berlin und der Takt ist anregend. Zur Entspannung reicht mir mein Viertel in dem DüsselDorf am Rhein.

8.    All-inclusive oder Abenteuerurlaub?

Weder noch, ich habe mir meine/ unsere Urlaube in den vergangenen 40 Jahren immer selber organisiert. Da war manches abenteuerlich, aber es war immer erholsam.

9.    Dein Lieblingsbuch?

Der Dialog, Das offene Gespräch am Ende der Diskussionen von David Bohm

10.    Körper, Geist, Seele – was ist dein Rezept, um mit dir selbst in Einklang zu kommen?

Nichts unternehmen, was diese Einheit zu sehr auf die Zerreißprobe stellt und wenn doch, laufen und anschließend in die Sauna.

11.    Angenommen eine Fee gewährt dir drei Wünsche. Was möchtest du sein, tun oder haben?

Gesundheit, Zufriedenheit und die Möglichkeit, meiner interessanten Tätigkeit möglichst lange nachgehen zu können und Wirkungen zu erzielen.

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USA versus Germany: Warum ein Land ohne bezahlten Mutterschutz kinderfreundlicher

Autorinnentrio zu Gast in der US Embassy Berlin: Michaela Schonhöft, Maya Dähne, Peggy Wandel

Autorinnentrio zu Gast in der US Embassy Berlin: Michaela Schonhöft, Maya Dähne, Peggy Wandel

ist als das von „Mutti“

Diese Woche war ich mit Maya Dähne und Michaela Schonhöft eingeladen zu einer deutsch-amerikanischen Diskussionsrunde. Der ehrgeizige Titel der Veranstaltung lautete:

„Balancing Family and Career Amidst Demographic Change:

Culture, Public Policy, Gender Roles, and Economics—An International Comparison

With Michaela Schonhöft, Peggy Wandel, and Maya Dähne

Authors of the books Childhoods (Kindheiten), Between Career and Playgroup (Zwischen Karriere and Krabbelgruppe), and

Desperately Seeking Daycare (Deutschland sucht den Krippenplatz)“

Veranstalter war die Wirtschaftssektion der US-Botschaft in Berlin. Mit deutschen und US-amerikanischen Botschaftsangehörigen, Gästen aus Ministerien und der Presse sprachen wir über internationale Erfahrungen und deutsche sowie US-amerikanische Eigenheiten. Kleine Erkenntnis am Rande: Die US-Amerikaner, vor allem die anwesenden berufstätigen Mütter, halten es für ein freiheitliches Grundrecht, am Sonntag ihre Einkäufe erledigen zu können, während wir Deutschen den Ladenschluss am Sonntag mehrheitlich verteidigen als letzte „Bastion im Angesicht des totalen Kapitalismus“.

Die Hauptfrage jedoch war: Wie lassen sich Beruf und Familie für Mütter und Väter besser vereinbaren und warum scheint dies in Deutschland schwieriger als in den USA, trotz großzügiger staatlicher Unterstützung? Was deutsche Eltern hierzulande erhalten, macht die US-Amerikaner neidisch. Dennoch zählt Deutschland zu den Schlusslichtern auf der Geburtenstatistik. Blickt man in die USA, gibt es weder den bezahlten Mutterschutz (abgesehen von wenigen progressiven Staaten wie Kalifornien), noch Elterngeld, Kindergeld oder sonstige Anreize. Dafür gibt es: Kinder. Die sind zwar Privatsache, gehören zum Leben in den USA aber ganz einfach dazu und werden nicht als Störfaktor oder Problem wahrgenommen.

Maya Dähne schilderte den Kontrast aus eigener Erfahrung: Sie arbeitete jahrelang in Washington D.C., wo auch ihre beiden Kinder zur Welt kamen. Bei der Rückkehr nach Deutschland freute sie sich auf „das ultimate Paradies für Eltern und Kinder“ – auf all die staatlichen Vergünstigungen und das weiche soziale Kissen. Wenige Wochen später war sie jedoch eher frustriert – in den USA hatte man sie als Schwangere und Mutter behandelt wie die „Queen of hearts“, in Berlin stand sie nicht nur einmal bepackt mit Windelkarton, Kleinkind und Kinderwagen am U-Bahnschaft und niemand machte Anstalten, ihr die Treppe hinauf oder hinunter zu helfen. Die neuen Nachbarn beschwerten sich über die Ruhestörung und der Betreuungsdschungel entpuppte sich als Nahkampfzone.

Natürlich sind die USA objektiv alles andere als ein Paradies für Familien mit Kindern. Viele US-Bürger sind auf mehrere Jobs angewiesen, um ihre Familie zu ernähren und die Kosten für die Kinderbetreuung aufzubringen – leider auch in Deutschland keine Seltenheit mehr. In einer Rede an die Nation sprach Präsident Obama sich Ende Januar 2014 für eine bessere Vereinbarkeit und Bezahlung für Frauen aus: “ A woman deserves equal pay for equal work. (…) She deserves to have a baby without sacrificing her job. A mother deserves a day off for a sick child or sick parent without running into hardship – and you know what, a father does, too. It’s time to do away with workplace policies that belong in a  „Mad Men“ episode.  (…) Because I firmly believe when women succeed, America succeeds.“

Die Fernsehserie „Mad Men“, auf die Obama anspielt, handelt in den 1960er Jahren. Tatsächlich sind die tradierten Arbeitsbedingungen und Arbeitszeiten ein Hauptgrund, weshalb es mit der Vereinbarkeit hapert – in den USA wie in Deutschland. Daher kam immer wieder das „skandinavische Modell“ zur Sprache. Dort kann man ansatzweise eine neue Zeitkultur erleben. Ein früher Feierabend ist die Regel, Ingela aus Schweden erzählte mir zum Beispiel „Wer bei uns um 17 Uhr noch im Büro sitzt, wird schon mal vom Chef gefragt, ob zu Hause alles in Ordnung ist“. Ist ein Kind krank, bleiben Vater und Mutter abwechselnd zu Hause – ohne schlechtes Gewissen, denn die Familie hat Prioriät. Aus Deutschland kenne ich eher die Sprüche à la „Hast du heute einen halben Tag Urlaub?“ oder „Ich hätte nachmittags auch gerne frei“, wenn man das Büro schon gegen 16 Uhr  verlässt. Das skandinavische Konzept lässt sich sicher nicht komplett auf andere Länder übertragen, doch die zugrundeliegende Mentalität würde ich mir wünschen.

Es gibt hierzulande immer mehr Väter, die Zeit mit ihren Kindern einfordern und dafür beruflich kürzer treten (wollen). Zudem legen viele junge Absolventen und Absolventinnen schon beim Berufseinstieg mehr Wert auf Freizeit und eine gute Balance. Arbeit könnte dadurch einen neuen Stellenwert bekommen – indem wir arbeiten um zu leben anstatt zu leben um zu arbeiten. In Norwegen zum Beispiel gilt es als Faux-pas, ein Meeting nach 16 Uhr anzuberaumen – der Feierabend gehört der Familie oder Hobbys und wird eingehalten. Beim Smalltalk in Deutschland und in den USA fragen wir zuerst „Was machen Sie beruflich?“. Ein Norweger wird eher wissen wollen „Was hast du am Wochenende erlebt?“. Es wäre schön, wenn wir uns davon etwas abschauen könnten. Denn Kinderbetreuung von früh bis spät, damit zukünftig Mütter und Väter 37,5 h oder mehr pro Woche arbeiten können, das kann nicht die Lösung sein – auch wenn es angesichts des demographischen Wandels einleuchtend klingen mag.

 

 

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Buchvorstellung „Wunder muss man selber machen“ von Sina Trinkwalder

 Sina Trinkwalder aus Augsburg zog Ende 2009 einen Schlussstrich unter ihr Dasein in der Werbebranche, um etwas Sinnvolles zu schaffen: Eine Näherei, in der Arbeitslose die Chance bekommen,  ökologische Bekleidung in Deutschland herzustellen. 2010 wurde Manomama geboren, ein soziales Textilunternehmen in privater Hand. Über das Abenteuer Manomama hat sie 2013 ein Buch vorgelegt. Es heißt „ Wunder muss man selber machen – Wie ich die Wirtschaft auf den Kopf stelle“.cover_SinaT

Angesichts meiner Vergangenheit musste ich dieses Buch unbedingt lesen. Ich entstamme einem schwäbischen Textilunternehmen, das nach manchen Hochs, vielen Tiefs und folglich schrumpfenden Mitarbeiter- sowie Verkaufszahlen 2008 während der Wirtschaftskrise schließlich dicht machte. Damals habe ich fieberhaft überlegt, wie wir uns durch eine Neuorientierung am Markt halten könnten. Leider gab es dieses Buch zu der Zeit noch nicht. Es hätte mir auf jeden Fall Stoff zum Nachdenken geliefert.

Bereits viele Jahre bevor wir unseren Bekleidungsbetrieb schlossen, wurde ich immer mal wieder erstaunt gefragt: „Was, euch gibt es immer noch? Die meisten Textiler haben doch längst dichtgemacht in Deutschland – billige Konkurrenz aus Asien und so“. Diesem Vorurteil wollte Trinkwalder sich nicht beugen. Mit halsbrecherischem Mut zum Risiko investierte sie in Näh- und Zuschneidemaschinen und holt arbeitslose Näherinnen von der Straße.

 

Wer bitte gründet im 21. Jahrhundert eine Textilfabrik in Augsburg?

Das Buch nimmt die Leser in 20 Kapiteln mit von der spontanen Idee über die zahlreichen Hürden bis hin zur Etablierung von Manomama mit festen Auftraggebern. Wenn ich heute bei DM einkaufe, schaue ich die bunten Stofftaschen dort an und denke mir:„Euch kenn ich doch, ihr werdet in Augsburg genäht“. Bei Manomama nämlich.

Wie ein roter Faden zieht sich Sinas Bauchgefühl durch das Buch. Wie sie Entscheidungen trifft, dürfte klassischen Unternehmensberatern einen Herzinfarkt bescheren. Dabei erweist sich ihr sozialer und betriebswirtschaftlicher Spürsinn als enorm treffsicher.

Die erzählerischen Rückblicke im Buch wechseln sich ab mit thematischen Ausflügen. In Sinas Betrachtungen wird abgerechnet mit Globalisierung, Politik, Wirtschaft und Staat. Auch scheinheilige Promis und sogar die Bio- und Ökobewegung bekommen ihr Fett weg. In „Teilhabe statt Umverteilung“ zum Beispiel bringt sie ihre Auftragskalkulation auf den Punkt: „Nennen Sie mir den Preis, der für Sie ausreichend und für mich fair ist.“

Hochleistungsrosinenpicken“ handelt von der geistigen und körperlichen Ausbeutung von Mitarbeitern, die in vielen Unternehmen zu ökonomischem Verbrauchsgut degradiert worden seien. „In unserem Land ist für jeden Menschen etwas zu tun“ setzt Trinkwalder dem entgegen. Sie glaubt nicht nur an die Bedeutung eines selbstverdienten Lebensunterhalts, sie will vor allem Menschen auf der Verliererseite des Lebens den Zugang dazu ermöglichen. Indem sie selbst Arbeitsplätze schafft.

Für ihr Engagement erhielt Sina Trinwalder bereits zahlreiche Preise und war Gast in diversen Talkshows. Sie ist verheiratet mit einem Mann, der zwischen den Zeilen sehr sympathisch rüber kommt, sich viel um den gemeinsamen Sohn kümmert und ihr den Rücken freihält für ihre Mission vom fairen Unternehmertum.

Selbstverdientes Auskommen = Selbstvertrauen und Wertschätzung

Manomama stellt möglichst solche Menschen ein, die auf dem regulären Arbeitsmarkt keine Chance (mehr) haben. „Warum machst du dir es doppelt schwer?“ wird Sina dazu im Buch von einem Lieferanten gefragt. Denn einen Textilbetrieb in Deutschland zum Laufen zu bekommen ist schon mit motiviertem Fachpersonal eine Kunst. Ihre Antwort: „Weil es um Gerechtigkeit geht. Schau, wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Das ist an sich nicht schlecht, sehen wir einmal von den perversen Auswüchen ab. Wenn wir uns kennenlernen, fragen wir einander nicht, wie es uns geht, sondern erzählen uns, welcher Arbeit wir nachgehen. Wir definieren uns über Arbeit. Haben wir nichts Berufliches zu erzählen, sind wir nicht interessant. Wir gehören nicht dazu. Schlimmer noch: Als Arbeitsloser bist du nicht nur am Rande unserer Gesellschaft, die Arbeitenden verachten dich. Weil du ihnen auf der Tasche liegst. Staatsgeld verprasst. Du wirst krank, depressiv, und der Strudel zieht dich immer tiefer hinunter. (….) Ich habe viel Energie in die Wiege gelegt bekommen. Wieso sollte ich nicht meine Kratt für jene Menschen aufwenden, die sie brauchen? Wenn die Stärkeren viel mehr auf die Schwächeren in unserer Gesellschaft achten würden, wäre uns allen geholfen.“ (Aus: „Wunder muss man selber machen“ von Sina Trinkwalder, Seite 248)

Risiko? Her damit.

Beeindruckt hat mich die Art und Weise, wie sich Trinkwalder das komplette Know-how von industrieller Nähtechnik bis Zuschnitt selbst beibringt. Wie sie sich ohne Sicherheitsnetz auf eine fremde Branche und neue Menschen einlässt, auf die Gefahr hin, dabei kräftig auf die Schnauze zu knallen. Und das tut sie. Aber wie meine Mutter immer sagte: Hinfallen ist keine Schande, du musst eben immer wieder aufstehen. Und das tut Trinkwalder natürlich auch, ihr Kampfgeist springt einen beim Lesen an wie ein wildgewordenes Känguru. Im Klappentext wird sie denn auch charakterisiert als „Schrecken der Arbeitgeberverbände“. Das klingt plakativ, aber sie ist kein Schrecken. Vielmehr ein Vorbild, das gerechte Löhne bezahlt und in Deutschland am freien Markt faire Bekleidung produziert. Fazit: Sehr lesenswert.

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Eingeordnet unter Frau und Job, Politik, Wiedereinstieg Teilzeit und Motivation

Die Frauenarbeitsvermeidungsrepublik

„Ich bin eben der Alleinverdiener bei uns“, erzählte  vor ein paar Tagen die männliche Hälfte einer befreundeten Familie, und wirkte dabei alles andere als glücklich. Eine in Deutschland alltägliche Situation: Vater, Mutter, zwei Töchter im Alter von 10 und 14 Jahren; Papa arbeitet im Konzern, davon werden sämtliche Ausgaben bestritten: Die monatliche Miete für das Haus, Nebenkosten, Essen, Kleidung, Urlaub, etc. Um ihn herum fallen Burnout-Kranke wie die Dominosteinchen. Er selber hält sich tapfer, aber der Druck im Konzern macht ihm zu Schaffen und er würde liebend gern in eine kleinere Firma wechseln. Doch das Gehalt sollte stimmen, denn: Er ist eben der Alleinverdiener. Seine Frau ist Akademikerin, hat aber seit der Geburt der Kinder den Hausfrauenpart übernommen und trägt monetär nichts zum Einkommen bei.  Er tat mir leid und wäre ich seine Frau, hätte ich beschlossen, dass es so nicht weiter gehen kann – ich würde mir einen Job suchen. Doch sie sass daneben und nickte nur. Die Töchter der beiden sind gute Schülerinnen im Gymnasium. Werden sie nach dem Studium und <5 Berufsjahren auch bei ihren Kindern zu Hause bleiben? Das wird ihnen schließlich vorgelebt.

aboutpixel.de / Schattenboxen © Michael Stachurski

aboutpixel.de / Schattenboxen © Michael Stachurski

Eine Bekannte aus dem Turnverein war 8 Jahre Vollzeitmama und sagte gern Sätze wie „Ich muss ja nicht arbeiten, mein Mann verdient genug„. Nun hat sie doch wieder einen Job angefangen, in ihrem Bereich als Akademikerin arbeitet sie für 400 oder 450 Euro zwei Tage die Woche, macht acht Tage im Monat. Das ist Ausbeuterei auf freiwilliger Basis und bringt keinen Cent für die Rente.
Ich habe die Tage einen aufrüttelnden FAZ-Artikel auf Facebook gepostet, der Frauen zum Sparen gegen die Altersarmut aufruft. Warum verdrängen wir dieses Thema so gern oder verweisen auf den gutverdienenden Ehemann (statistisch hält leider höchstens die Hälfte der Ehen lang genug)? Vermutlich „liegt es daran, dass die Zahlen, die wir jahrelang auf unseren Rentenbescheiden lesen, so klein sind, dass man sie gut übersehen kann.“ (FAZ-Link)

Am Wochenende sprach ich auf der „Schön&Gut Messe“ in Münsingen mit einer mittelständischen Textilunternehmerin, sie stellt Strickmode aus Biobaumwolle her und sucht händeringend nach qualifizierten Arbeitskräften. „Bei uns im Dorf gibt es genug Frauen zwischen 35 und 45, deren Kinder groß genug sind und die beruflich wieder durchstarten könnten – bei mir auch gerne in Teilzeit. Aber stattdessen verdingen sich gelernte Industriekauffrauen lieber auf 450-Euro Basis als Putzkraft oder beim Discounter an der Kasse.“ Sie selbst würde gern in ein paar Jahren in Rente gehen, doch dafür muss sie erst noch einiges an privater Altersvorsorge ansparen – das werden auch manche der Frauen noch merken, die auf Sozialversicherungsabgaben pfeifen.  Wer schon einmal auf Lohnsteuerklasse 5 gearbeitet hat, weiß auch, warum viele lieber nur einen Minijob annehmen – es bleibt oft kaum etwas übrig vom Teilzeitgehalt. Daher gehört unser unsägliches Steuergesetz (übrigens das komplizierteste weltweit) reformiert. Eine Abschaffung des Ehegattensplittings und eine gerechtere Besteuuerung könnte für mehr Anerkennung von  Teilzeitarbeit sorgen. Dazu findet sich ein sehr interessanter Leitartikel auf der Seite des VBM (Verband berufstätiger Mütter):

Ehegattensplitting, kostenlose Ehefrauen-Familien-Mitversicherung & Co – weg mit den diskriminierenden

aboutpixel.de / Schattenboxen © Michael Stachurski

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Regelungen im Steuer- und Sozialrecht

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