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Papa in Kolumbien: Rituale tun richtig gut (Teil 11)

Alveiro aus Kolumbien erzählt:

Ich bin immer ein sehr positiver, enthusiastischer Mann gewesen. Als ich jung war, konnte ich spirituelle Dinge weniger schätzen. Jetzt wo ich Kinder habe und älter bin, reflektiere ich mehr. Meinen Kindern und Mitmenschen möchte ich vermitteln: „Um dich herum gibt es viele, die leiden, denen es schlechter geht als dir. Halte dir das vor Augen und schätze, was dir zuteilwurde“. Nach dem Aufwachen und vor dem Schlafengehen bete ich zu Gott und danke ihm. Als Familie sind uns Rituale sehr wichtig. Am letzten Samstag jeden Monats feiern wir zu Hause einen “Talentabend”. Unsere Töchter lassen sich jedes Mal eine Überraschung für uns einfallen: Sie proben ein Lied oder einen Tanz, denken sich ein kleines Thaterstück aus. Als wir kürzlich das betreffende Wochenende mit Freunden verbrachten, schienen die ganz schön erstaunt, was unsere kleinen Mädchen auf die Beine stellten. Obwohl wir gar nicht zu Hause waren fragten Danna und Juliana gegen Abend: “Ist es Zeit für unseren Auftritt?”. Im Garten des Ferienhauses schufen sie eine Bühne, die sie mit Luftballons dekorierten. Sie verkleideten sich und gingen völlig auf in ihrer Darbietung.

 

Rituale sind ein schöner Weg, die Perspektive zu wechseln und der Kreativität freien Lauf zu lassen. Es gibt so viele Möglichkeiten, seinen Kindern zu signalisieren: “Ich liebe euch, ich bin für euch da”. Man braucht ihnen nicht unbedingt etwas zu kaufen. Viel eher ermutige ich sie, selbst etwas zu machen. Erziehung heißt für mich, mit den Kindern zu reden, eine Atmosphäre zu schaffen in der sie sich wohl fühlen, etwas beitragen können, gehört werden, Erlebnisse teilen können. Auch im Umgang mit anderen Menschen halte ich diese Werte hoch. Es ist der beste Weg zu einem friedlichen Miteinander, zu einem friedlicheren Kolumbien.

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Papa in Kolumbien: „Mit 10 Jahren musste ich Geld verdienen“ (Teil 7)

Was reden die da?

Diese fremdartige Sprache hörte ich zum ersten Mal als Teenager, ich war damals Laufbursche in einem Hotel. Neugierig wie ich war fand ich heraus: Es war Englisch. Das wollte ich auch lernen. Und so wurde ich Englischlehrer. Doch am besten ich erzähle meine Geschichte ganz von vorne:

Meine Familie stammt aus Aguadas in der Provinz Caldas, gut zehn Stunden entfernt von Bogota. Ich habe vier Brüder und zwei Schwestern. Mein Vater war Kaffeebauer, ein einfacher Arbeiter mit geringem Verdienst. Meine Mutter kümmerte sich zu Hause um uns, sieben Kinder zu erziehen ist harte Arbeit. Immer wieder flammten bewaffnete Konflikte in unserer Gegend auf, zwischen der kolumbianischen Armee, linken und rechten Guerillakriegern. Ich war gerade sieben Jahre alt, mein jüngster Bruder noch ein Baby, als meine Eltern die Gegend verlassen mussten, um nicht selbst Opfer der Gewalt zu werden. Sie gingen mit uns nach Bogotá, wo wir Unterschlupf bei der Familie meines Onkels fanden. 14 Personen teilten sich ein einziges Zimmer. Wenn ich daran zurückdenke, weiß ich umso mehr zu schätzen, was ich heute habe.

Mein Vater fand Arbeit auf dem Bau, eine leider schlecht bezahlte Tätigkeit. Daher mussten meine älteste Schwester und mein großer Bruder zum Unterhalt der Familie beitragen, sie waren damals 14 und 16 Jahr alt.[1] Auch ich fing früh an zu arbeiten, mit 10 Jahren hatte ich die ersten Aushilfsjobs. Zunächst half ich in den Ferien auf dem Bau, schleppte Ziegelsteine und mischte Zement an. Nach der neunjährigen Regelschule wechselte ich auf die Abendschule und arbeitete tagsüber in Vollzeit.[2] So konnte ich die vollen elf Jahre zur Schule gehen und mein Abitur machen. Allerdings bin ich im Klassenzimmer oft eingeschlafen – die Arbeit auf dem Bau war anstrengend.

Nach vier Jahren hatte ich genug davon und beschloss, mir etwas anderes zu suchen. So fing ich in einem Supermarkt an, mit meinem Einkaufswagen lieferte ich den Leuten ihre Einkäufe nach Hause. Damals hatten die wenigsten Leute ein Auto und häufig sah man Jungs in den Straßen, die solche Dienste übernahmen. In sechs Monaten bekam ich dabei mehr Trinkgeld als ich vorher auf dem Bau verdient hatte. Doch dann wurde mein Einkaufswagen gestohlen. Frustriert kehrte ich zurück auf den Bau, doch in mir wuchs der Wunsch, zu studieren.

 

[1]    http://www.aktiv-gegen-kinderarbeit.de/welt/suedamerika/kolumbien/#footnote_6_2539

[2]    http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Aussenpolitik/Laender/Laenderinfos/Kolumbien/Kultur-UndBildungspolitik_node.html

pkleinIm neuen Jahr geht es weiter mit Alveiros Geschichte auf mum02.

Vielen Dank für euer Interesse. Ich wünsche euch ein glückliches, gesundes Jahr 2015 angefüllt mit wunderbaren Augenblicken.

Peggy

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Papa in Kolumbien: „Ich bin das Unterhaltungsministerium der Familie“ (Teil 5)

Alveiro erzählt:

In unserer Familie verkörpere ich das Unterhaltungsministerium. „Lasst uns Eis essen gehen“; „Kommt wir gehen ins Kino“, „Tanzen wir doch durchs Haus“ – ich sprühe nur so vor bunten Ideen. An meiner Frau bleiben oft die weniger angenehmen Arbeiten hängen, organisatorische Dinge. Seit meine Frau Yudy ihren Master absolviert hat, verbringt sie wieder mehr Zeit mit den Kindern. Meist kommt sie vor mir nach Hause und hilft bei den Hausaufgaben. Wir necken uns häufig, was die Aufgabenverteilung anbelangt. Ich sehe meine Familie nicht so viel, und so packe ich möglichst schöne Erlebnisse in unsere gemeinsame Zeit. Ich möchte mit ihnen tanzen, lachen und Spaß haben.

 

Über Werte und Gleichberechtigung

Eine vollkommen gleichberechtigte Aufteilung haben wir sicher nicht in allen Bereichen, weder finanziell noch in puncto Hausarbeit. Aber mit Sicherheit teilen wir die Verantwortung hundertprozentig. Wir schätzen dieselben christlichen Werte und Ansichten in der Erziehung und versuchen, gute Beispiele abzugeben. In den Augen der Kinder sind wir stets einer Meinung. Und wir zeigen ihnen täglich, dass nichts umsonst ist im Leben, sondern das man sich alles verdienen muss. Das betone ich sehr, dieses Wort „ganar“ (verdienen). Manchmal sage ich zu Danna und Juliana: „Hattet ihr eine gute Woche, habt ihr euch angestrengt in der Schule? Nun, dann habt ihr es verdient, dass wir zum Essen ausgehen.“ Solche Zusammenhänge sind mir wichtig, eine Philosophie, die ich mit Yudy teile. Was die Finanzen angeht, habe ich etwas mehr Glück indem ich mehr Geld verdiene und daher mehr zum Unterhalt beisteuern kann. Die Schulausbildung unserer beiden Töchter kostet uns pro Monat 1.400 US Dollar. Darin enthalten sind Schulgeld, Busfahrten und Mittagessen. Es ist viel Geld. Tatsächlich geben wir den Großteil unserer Einkommen für Bildung aus, denn wir sind fest davon überzeugt, dass sie neben der Familie die beste Grundlage fürs Leben ist.

 

Südamerikanischer Macho? Nein, danke.

Selbstverständlich teile ich nicht nur die Verantwortung mit meiner Frau, sondern packe auch im Haushalt mit an. Am Wochenende, wenn die Tante nicht da ist, mache ich das Frühstück. Es ist nicht unbedingt meine Leidenschaft, Geschirr wegzuräumen, aber es ist auch nicht schlimm. Am Wochenende kocht oft meine Frau und ich putze nebenher oder räume auf. Das macht mir gar nichts aus, im Gegenteil empfinde ich solche Tätigkeiten sogar als entspannend. Dabei kann ich in Ruhe nachdenken, es ist beinahe therapeutisch. Der “Machismo” ist in Kolumbien allerdings noch weit verbreitet. Gerne wäre ich diesbezüglich auch im Privatleben ein Vorbild für andere. Kürzlich verbrachten wir ein Wochenende mit unseren mexikanischen Nachbarn, der Vater arbeitet als “Expat” in einer Großbäckerei hier in Bogota. Seine Frau nennt ihn einen echten Macho. Haushalt ist für ihn Frauensache, er spült kein Geschirr, putzt nicht und rührt auch sonst keinen Finger daheim. Nach dem gemeinsamen Wochenende gab ich ihr Recht.

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Papa in Kolumbien: „bei uns zu Hause gibt es selten Klagen oder Beschwerden“ (Teil 4)

Meine Frau Yudy und ich stammen beide aus ärmlichen Verhältnissen, litten als Kinder unter Gewalt und Vertreibung. Dennoch bin ich stolz auf unsere Herkunft. Bis heute sind meine Eltern Vorbilder für mich. Sie waren so hellsichtig, ihre Heimat zu verlassen und einen Neuanfang zu wagen. Wie sie wollte ich immer schon hart arbeiten, um etwas aus meinem Leben zu machen. Mein Vater rauchte und trank nicht. Er lebte vor, was es bedeutet, eine Familie zu haben und einen Wertekodex. Völlig egal in welcher materiellen Situation du lebst: Was zählt sind menschliche Werte und ein enger Familienzusammenhalt. Wir hatten keine materiellen Reichtümer, aber jede Menge Liebe. Ich hatte einen guten Vater und will selbst ein guter Vater sein.

 

Inzwischen gehen unsere Töchter tagsüber zur Schule. Der Unterricht dauert von 7:30 bis 14:30, ein Schulbus holt sie morgens bereits eine Stunde vorher ab und bringt sie gegen 15:30 wieder zurück. Das öffentliche Schulsystem in Kolumbien ist leider mangelhaft. 40 bis 50 Schüler sitzen in einer Klasse und die Lehrer sind mehr damit beschäftigt, die Kinder im Griff zu haben als ihnen Wissen zu vermitteln. Unglücklicherweise ist der soziale Zusammenhalt brüchiger geworden. Drogen, Gewalt und Mobbing verschlechtern das Klima an den Schulen. Daher schicken Yudy und ich unsere Töchter auf eine Privatschule. Mit 15 bis 20 Kindern sind die Klassen klein. Doch in erster Linie sind die Mädchen dort in Sicherheit. Auch wenn sie dadurch keine normalen Durchschnittskinder sind: Wir wollen uns das leisten und haben diese Entscheidung sehr bewusst getroffen. Unsere Töchter sollen es besser haben als wir früher, dafür haben wir hart gekämpft. Manchmal erzählen wir Danna und Juliana aus unserer Kindheit. Nicht, um ihnen ein schlechtes Gewissen zu machen, sondern damit sie einschätzen können, wie gut es ihnen geht. Als sie kleiner waren haben sie sich allerdings manchmal gewünscht, dass Mama und Papa mehr Zeit mit ihnen verbringen. Aber bei uns zu Hause gibt es selten Klagen oder Beschwerden. Vermutlich weil die Kinder wissen, in welcher Kultur wir leben und dass wir Verantwortung tragen für unsere Gesellschaft.

 

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„Das Glück hat kein Preisschild“

Rezension zu „Kindheiten. Wie kleine Menschen in anderen Ländern groß werden.“MSchonhoeft_Kindheiten_06-4

Wo wohnt es eigentlich, das Glück? Weltweit wünschen sich Eltern glückliche Kinder, aus denen glückliche Erwachsene werden sollen. Aber wie funktioniert Erziehung  in anderen Kulturkreisen? Japan setzt auf Wohlfühl-Kitas, die Inuit auf Gelassenheit, bibeltreue Amerikaner glauben an die Züchtigung ihrer Kinder, in Schweden heißt ein Zauberwort „Inklusion“. Auch haben die Schweden bereits 1991 die Austrahlung von Werbung bei Kindersendungen verboten. Sind skandinavische Kinder deshalb laut Statistik glücklicher als der Durchschnitt? So wie übrigens auch der niederländische Nachwuchs, dessen Eltern besonders viel Zeit mit ihren Kindern verbringen. Intuitiv spüren wir: Nicht „Zeit ist Geld“, Zeit zu haben ist Glück.

Das Glück hat kein Preisschild ist denn auch meine persönliche Lieblingsheadline in Michaela Schonhöfts Buch „Kinderheiten“. Und es nimmt einen wichtigen Teil der Antwort vorweg auf die Eingangsfrage nach dem Glück: Zeit, Wissen, Natur und Nestwärme gehören zu den wichtigsten Zutaten für eine glückliche Kindheit.

Auf 357 Seiten breitet die Journalistin, Soziologin und Globetrotter-Mama Michaela Schonhöft das „Weltwissen der Erziehung“ aus. Mit der Autorin habe ich auch ein Interview geführt. Mich hat die Tiefe und Breite ihres Werkes beeindruckt. Die gesammelten Anekdoten, Geschichten und Fakten ergeben ein rundum lesenswertes Kaleidoskop. Ausgangspunkt des Sachbuchs ist die Frage nach dem Glück. Sie zieht sich wie ein Leitmotiv durch das Buch. Es gipfelt in der Betrachtung, wie eine kinderfreundliche Gesellschaft aussieht. Hier kann gerade Deutschland noch einiges lernen: Dass Kinder nämlich nicht nur eine Bezugsperson brauchen, sondern die Erziehung besser auf viele Schultern verteilt wird. Dass Glück nicht gleichbedeutend ist mit Leistung und Erfolg. „Eine Gesellschaft offenbart sich nirgendwo deutlicher als in der Art und Weise, in der sie mit ihren Kindern umgeht„, wird Nelson Mandela zitiert. Kinder seien schließlich der größte Reichtum jeder Gesellschaft. Doch nicht nur auf gesellschaftlicher Ebene bietet der Blick in fremde Kulturen neue Erkenntnisse. Auch für meine eigene Familie habe ich einiges rausgelesen aus diesem facettenreichen, absolut lesenswerten Buch.

Das Buch „Kindheiten“ von Michaela Schonhöft ist erschienen im Pattloch-Verlag, München, 2013.

Autorin Michaela Schönhoft. Bild: Anke Jacob.

Autorin Michaela Schönhoft. Bild: Anke Jacob.

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Interview mit Autorin Michaela Schonhöft: Wie werden Kinder weltweit erzogen?

Autorin Michaela Schönhoft. Bild: Anke Jacob.

Autorin Michaela Schönhoft. Bild: Anke Jacob.

Auf verschlungenen Wegen lerne ich oft interessante Menschen mit verwandten Themen kennen. So wie Michaela Schonhöft. Die Soziologin lebt mit Mann und vier Kindern in Berlin. Ihr Buch „Kindheiten. Wie kleine Menschen in anderen Ländern groß werden“ erschien vor wenigen Wochen im Pattloch-Verlag. Aus unserem regen E-Mail-Austausch entstand ein kleines Interview zu diesem spannenden, sozusagen weltumfassenden Buchprojekt. Eine Rezension des Buches folgt.

Das Buch Kindheiten ist im September 2013 erschienen

Das Buch Kindheiten ist im September 2013 erschienen

1. Für Dein Buch hast Du rund um den Globus recherchiert. Wie lange hast Du daran gearbeitet und wie konntest Du die Arbeit und die Reisen mit Deiner eigenen Familie vereinbaren?

 Das Buch war ein Herzensprojekt. Drei Jahre habe ich daran gearbeitet. Die Idee dazu entstand auf einer mehrmonatigen Reise durch Thailand. Meine kleinste Tochter war damals noch ein Baby, die ältere 2einhalb Jahre alt. Wir hatten eine Auszeit vom Job genommen. Und so waren die ersten, wichtigen Recherchen sehr gut mit Familiendingen zu vereinbaren. Wir sind begeisternde Reisende. Die Arbeit zu dem Buch konnte ich also prima mit unserer Leidenschaft verbinden. Ich habe zudem viele Kontakte aus dem Ausland aktiviert, die ich geknüpft hatte, bevor die Kinder auf die Welt kamen. Ich habe eine Weile in den Niederlanden, in den USA und Südamerika gelebt, bin viel in Asien und Afrika gereist.

2.Was würdest Du aus dem gesammelten „Weltwissen der Kindererziehung“ gern übertragen in Dein eigenes Familienleben?

Vor allem Geduld! Ich habe mit sehr vielen Eltern in Ostasien gesprochen. Mich hat beeindruckt, wie entspannt viele von ihnen mit ihren kleinen Kindern umgehen, dass sie sehr viel durchgehen lassen, zwar „dranbleiben“, aber nicht ständig mit Konsequenz oder gar Strafen drohen. Man verlangt kleinen Kindern noch kein großes Verständnis ab, versucht ihnen stattdessen ein gutes Vorbild zu sein, sie immer wieder sanft auf sozial akzeptables Benehmen hinzuweisen. Es fällt oft schwer, die Perspektive von kleinen Kindern einzunehmen. Aber das bekannte Sprichwort „mit dem Kopf des anderen denken“ kann gerade bei den kleinen Trotzköpfen Wunder bewirken. In den letzten Jahren hat sich natürlich das Verständnis von psychologischen Entwicklungsstufen sehr verbessert. Trotzdem habe ich hierzulande oft das Gefühl, dass Eltern zu sehr von sich aus denken und sich sehr schwer tun, die Perspektive der Kinder einzunehmen. Das fällt wiederum zum Beispiel vor allem Eltern in Japan wesentlich leichter.

Für sehr nachahmenswert halte ich, wie selbstverständlich sich niederländische Familien Zeit für ihre Kinder nehmen, auch wenn dort die Zeiten schwieriger werden. „Feierabend ist Feierabend“, sagt sich dort ein Großteil der Arbeitnehmer, und das gilt auch für die Väter. Den Familien ist sehr wohl bewusst, wie wichtig Zeit für die Familie ist. Wir versuchen inzwischen ebenfalls mindestens einmal am Tag, meistens abends, zusammen zu essen. Ich lebe ja in einer Patchwork-Familie, mein Mann, ich, zwei Teenager, zwei Kleinkinder. Da entstehen schnell Konflikte, und gemeinsame Familienzeit ist unheimlich wichtig, um diese nicht einfach unter den Tisch zu kehren oder gar eskalieren zu lassen.

3. Was läuft in Deutschland gut, wo haben wir noch Nachholbedarf und könnten uns etwas aus anderen Ländern abschauen? Was sollten wir zum Wohl der Kinder ändern?

 

Deutschland gibt sehr viel Geld für Familienförderung aus. Das ist natürlich grundsätzlich zu begrüßen. Das Geld wird allerdings schlecht verteilt. Darauf weisen immer wieder neue Studien hin. Es sollte vermehrt in qualitativ wertvolle Betreuung und Förderung für lernschwache Kinder investiert werden. Es wird noch viel zu wenig auf Qualitätsstandards in Kindergärten, Krippen und Horte geachtet. Dabei gibt es einen solch großen Erfahrungsschatz aus dem Ausland. Viele Eltern in Deutschland haben zudem das Gefühl, Kinder sind in Deutschland nicht willkommen. Das ist natürlich nur eine Verallgemeinerung, beschreibt jedoch eine Tendenz. Kinder sollen sich möglichst nur an den für sie vorgesehen Orten aufhalten. Aus Sicherheitsgründen ist das natürlich oft angesagt. Aber Kinder sind inzwischen vielerorts einfach unerwünscht, ob in Restaurants oder in Saunen etc… Sie haben sich möglichst ruhig zu verhalten. In Italien dagegen stört sich kaum jemand an lärmenden Kindern, man erfreut sich an ihnen. Das gilt für viele andere Länder ebenso.

Gerade Mütter haben in Deutschland sehr hohe Ansprüche an sich. Sie wollen perfekte Mütter, perfekte Beruftstätige, perfekte Ehefrauen sein. Das geht oft weiter über die Belastungsgrenzen hinaus. Hierzulande haben Frauen ganz besonders den Anspruch alles selbst zu stemmen. Sie geben ungern Verantwortung ab, das wird leider auch häufig von ihnen erwartet. Das Bedürfnis Erziehung, Fürsorge für Kinder auf mehrere Schultern zu verteilen, könnte ausgeprägter sein. Es fehlen natürlich auch deutschlandweit noch die Strukturen dafür.

Vielen Dank, Michaela! Ein schönes Schlusswort erscheint mir das berühmte (und doch selten beherzigte Sprichwort) „Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind groß zu ziehen.“

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Zu Gast im September und in Wannweil

Rezept auf Septembermorgen

An diesem nasskalten Septembermorgen starte ich den „Werbeblock“ mit einer Frau, die den Monat September ganz besonders liebt: Die Grafikerin Katja aus Reutlingen bloggt auf http://www.septembermorgen.com über schöne Dinge, Design und das Leben an sich. Und da sie diesen September mit ihrer Familie auf Reisen ist, hat sie mich eingeladen, einen Gastbeitrag zu schreiben. In „Lasst eure Kinder ruhig mal alleine backen“ stelle ich einen Kuchen vor, bei dessen Entstehung ihr euch im Hintergrund halten könnt und sollt. Gute Nerven und viel Spaß beim Ausprobieren! (Ich kann schon mal verraten: Es hat funktioniert!).

 

Lesung

Morgen bin ich wiederum zu Gast, nicht virtuell sondern ganz real: Um 19:30 lese und erzähle ich in der Bücherei in Wannweil bei Reutlingen aus meinem Buch „Zwischen Karriere und Krabbelgruppe“. Es gibt Geschichten und Bilder von Frauen aus aller Welt, von Finnland bis Chile und von Südafrika bis Kolumbien. Ich freue mich sehr auf einen spannenden Abend und viele nette Menschen!

So, das war heute der Werbeblock in eigener Sache von mum02, die seit vergangenen Donnerstag Mutter eines Schulkindes ist. Davon mehr in Kürze!

 

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Zum Weltkindertag 2012: Lernen wie bekloppt oder Lernen fürs Leben?!

„Kinder brauchen Zeit“ lautet das Motto des Weltkindertags 2012. Schön, dass Kinder durch diesen Tag im September in den Blickpunkt der Medien rücken (ansonsten stehe ich diesen unzähligen Tagen ja skeptisch gegenüber – wusstet ihr zum Beispiel, dass es nicht nur den „Tag der Küche“ (8.9.) sondern sogar den „Tag des Klopapiers“ (26.8.) gibt?). Kinder sind ein kostbares „Gut“, umso weniger es gibt, umso mehr sollen sie gefördert werden. „Pimp my kid?!“. Dass dieses Denken den Kindern oft schadet, belegen zum Weltkindertag veröffentlichte Zahlen von Unicef. Demnach haben Kinder der Klassen 9 bis 13 im Schnitt eine wöchentliche Arbeitsbelastung von rund 45 Stunden. Die kostbare Freizeit, die noch bleibt, verbringen viele vor der Glotze, der Spielkonsole oder dem PC.

Kinder brauchen Zeit zum Spielen

Die Welt erkunden: Kinder brauchen Zeit zum Spielen

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„Als Frau wird das ja eh nichts mit der Karriere“

Gestern Abend saß ich in der vollbesetzten Stuttgarter U-Bahn und kam nicht umhin, das Gespräch zweier junger Frauen zu hören. Eine war offensichtlich BA-Studentin im 4. Semester in einem Konzern mit mehr als 40 Niederlassungen weltweit. Die andere war ziemlich neugierig und bombadierte sie mit Fragen.  So wissen wir Mitfahrer jetzt, wie das Betriebsklima in ihrer derzeitigen Abteilung (Arbeitsvorbereitung) ist, kennen ihren Notendurchschnitt und den ihrer Mitstudenten und sind informiert darüber wie schwierig es ist, eine vernünftige Wohnung in Stuttgart zu mieten. Im Frühjahr verbringt sie drei Monate in einer Auslandsniederlassung, ihr Wunschziel sind die USA und das wird ziemlich sicher auch klappen. Nach dem die Vor- und Nachteile des internationalen Trimesters analysiert sind, kommt die nächste Frage: Steigst du danach fest ein? Ja, die Gewerkschaft hat bereits ausgehandelt, dass alle BA-ler übernommen werden, unabhängig vom Notendurchschnitt. Ich kenne sogar schon das (recht ordentliche) Einstiegsgehalt – tut mir leid, weghören war nicht drin. Ob sie dann nach zwei Jahren Praxis noch den Master dranhängen will? „Ach ne du, dann habe ich mich schon mal an das gute Geld gewöhnt und außerdem, so als Frau, da kriegt man doch eh irgendwann Kinder. Da ist das nicht so mit Karriere.“ Bis dahin hatte ich nur beiläufig zugehört, aber da dachte ich mir: Wird sich eigentlich nie etwas ändern?

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„Die Schweiz: Kein Land für arbeitende Mütter“

Meine ungarische Freundin Undine ist vor kurzem in die Schweiz gezogen, hat sich dort gleich erfolgreich einen Job gesucht und ist gerade hochschwanger. Ein Umstand, den die Schweiz im 21. Jahrhundert für arbeitende Frauen anscheinend nicht vorsieht. Hier ihr Bericht:

Mutterpass? Was ist denn das?

Wer in Deutschland Kinder bekommen hat, kennt das DinA5 große Heftchen das Schwangere stets mit sich führen sollen. In der Schweiz gibt es  solch einen Mutterpass nicht. Da die Eidgenossen in vielen kleinen Kantonen aufgeteilt und nicht zentralisiert organisiert sind, kann man so etwas wohl auch nicht verpflichtend einführen. Bleiben drei Alternativen, wie Undine herausgefunden hat:

1.) Der Frauenarzt / die Frauenärztin lehnt diese unschweizerische Idee per se ab und basta. Sollte die Schwangere im ersten Trimester, in dem die äußeren Anzeichen einer Schwangerschaft fehlen, angefahren werden oder sonst wie verunfallen so hat sie eben Pech gehabt.

2.) Der Frauenarzt / die Frauenärztin kooperiert mit einer Pharmafirma, die eine hübsche Hülle mit Werbeaufdruck sponsert, in der dann die Ultraschall-Fotos und der Blutgruppenausweis stecken – und auch die Telefonnummer des behandelnden Arztes.

3.) Der Frauenarzt / die Frauenärztin ist deutscher Abstammung und organisiert auf Wunsch für seine deutschen Patientinnen irgendwie doch einen Mutterpass.

„Leider gehören 90% der Ärzte zu Kategorie 1, ganz wenige zur Gruppe 2, und wer viel Glück hat, der landet bei Kategorie 3. Ich hatte kein Glück.“

Mutterschutz oder: Achtung, Geburt am Arbeitsplatz.

Den Begriff Mutterschutz kenne ich aus einigen europäischen Ländern, in Deutschland zum Beispiel darf eine werdende Mutter nicht mehr nach 18.00 Uhr arbeiten und 6 Wochen vor der Geburt ist dann komplett Feierabend und frau muss sich deswegen nicht schämen. Im Schokiland ist es ganz anders: Schwangere „dürfen“ bis zum allerletzten Tag vor der Geburt arbeiten – „und viele meiner Rundling-Genossinnen müssen sich für die letzten 3-4 Wochen vom Frauenarzt mit echten oder vorgetäuschten Beschwerden krank schreiben lassen, um das Kind nicht am Bürotisch zu bekommen – und selbst so werden sie oft richtig blöd vom Chef oder anderen Kolleginnen angemacht, so als ob sie absolut keine Leistung mehr bringen könnten“ erzählt Undine.

Arbeitende Mütter unerwünscht.

„In der Schweiz lautet die gängige Frage an eine schwangere Kollegin nicht etwa „wann möchtest Du wieder in die Arbeit einsteigen?“ sondern eher: „möchtest Du denn wieder arbeiten gehen?“. Das Schweizer Modell sieht nämlich für die Frau die traditionelle Rolle der 1950er vor: Schön brav zu Hause bleiben, Heimchen am Herd und am Spielplatz. Irgendwie werden arbeitende Mütter komisch beäugt und das Land ist auch nicht wirklich darauf eingerichtet, dass hier eine Mutter ihr Geld verdient. Eine Frau schon noch, aber nicht eine Mutter“. Wieso? „Nun, das staatliche Kindergeld fällt recht knapp aus, aber der Knüller ist, was eine Kinderkrippe oder Kindergarten pro Monat kostet: Nämlich genauso viel, wie frau in einem mittelmäßigen Monat verdient. Also stellt sich die Frage: Kind in die Kita geben, arbeiten und das verdiente Geld zur Kita tragen – oder gleich daheim bleiben?“

Und wie geht es bei Undine weiter, wenn das Baby da ist? „Zu meinem persönlichen Riesenglück gehört, dass ich in Teilzeit und sehr flexibel arbeiten kann und dass mein Chef alles ziemlich locker sieht, weshalb ich erst mal positiv in meine „Mutterzukunft“ blicke. Aber das System an sich ist schon schräg! Ich frage mich manchmal, wie es eine normalsterbliche, also nicht übelst reiche Schweizer Mutter macht, die verdienen und das Kind betreut bekommen MUSS?“

Scheidungskinder dürfen nicht zur arbeitenden Mutter.

Eine Freundin von Undine steckt gerade in der Klemme. In weiten Teilen Europas würde sie als absolute Vorzeigefrau gelten: Sie schafft es, ihren anspruchsvollen Job und ihre zwei Kinder (2 und 5 Jahre) inklusive Haushalt mit einer vorbildlichen Ausgeglichenheit zu schmeißen – ohne Putzfrau, ohne Kindermädchen, ohne Eltern um die Ecke. Der Ehemann ist weg, aber dafür kann sie nun wirklich nichts. Falls sie sich aber in der Schweiz scheiden ließe, würde jedes Schweizer Gericht ihr die Kinder wegnehmen, denn „eine arbeitende Mutter kann nicht in der Lage sein, ihre Kinder entsprechend zu versorgen, ohne ihre emotionale Entwicklung zu gefährden“. Wie Bitte? „Tja, der Vater ist zwar völlig neben der Spur, aber er hätte ausreichend Zeit für die emotionale Entwicklung der Kinder. Tolle Sache.“

Undine wünsche ich zunächst alles Gute für die Geburt und den Start ins Mutterdasein! Und ich bin schon gespannt auf ihren nächsten Bericht.

Ein Kommentar

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