Schlagwort-Archive: Globetrotter

Papa in Kolumbien: „Mit 10 Jahren musste ich Geld verdienen“ (Teil 7)

Was reden die da?

Diese fremdartige Sprache hörte ich zum ersten Mal als Teenager, ich war damals Laufbursche in einem Hotel. Neugierig wie ich war fand ich heraus: Es war Englisch. Das wollte ich auch lernen. Und so wurde ich Englischlehrer. Doch am besten ich erzähle meine Geschichte ganz von vorne:

Meine Familie stammt aus Aguadas in der Provinz Caldas, gut zehn Stunden entfernt von Bogota. Ich habe vier Brüder und zwei Schwestern. Mein Vater war Kaffeebauer, ein einfacher Arbeiter mit geringem Verdienst. Meine Mutter kümmerte sich zu Hause um uns, sieben Kinder zu erziehen ist harte Arbeit. Immer wieder flammten bewaffnete Konflikte in unserer Gegend auf, zwischen der kolumbianischen Armee, linken und rechten Guerillakriegern. Ich war gerade sieben Jahre alt, mein jüngster Bruder noch ein Baby, als meine Eltern die Gegend verlassen mussten, um nicht selbst Opfer der Gewalt zu werden. Sie gingen mit uns nach Bogotá, wo wir Unterschlupf bei der Familie meines Onkels fanden. 14 Personen teilten sich ein einziges Zimmer. Wenn ich daran zurückdenke, weiß ich umso mehr zu schätzen, was ich heute habe.

Mein Vater fand Arbeit auf dem Bau, eine leider schlecht bezahlte Tätigkeit. Daher mussten meine älteste Schwester und mein großer Bruder zum Unterhalt der Familie beitragen, sie waren damals 14 und 16 Jahr alt.[1] Auch ich fing früh an zu arbeiten, mit 10 Jahren hatte ich die ersten Aushilfsjobs. Zunächst half ich in den Ferien auf dem Bau, schleppte Ziegelsteine und mischte Zement an. Nach der neunjährigen Regelschule wechselte ich auf die Abendschule und arbeitete tagsüber in Vollzeit.[2] So konnte ich die vollen elf Jahre zur Schule gehen und mein Abitur machen. Allerdings bin ich im Klassenzimmer oft eingeschlafen – die Arbeit auf dem Bau war anstrengend.

Nach vier Jahren hatte ich genug davon und beschloss, mir etwas anderes zu suchen. So fing ich in einem Supermarkt an, mit meinem Einkaufswagen lieferte ich den Leuten ihre Einkäufe nach Hause. Damals hatten die wenigsten Leute ein Auto und häufig sah man Jungs in den Straßen, die solche Dienste übernahmen. In sechs Monaten bekam ich dabei mehr Trinkgeld als ich vorher auf dem Bau verdient hatte. Doch dann wurde mein Einkaufswagen gestohlen. Frustriert kehrte ich zurück auf den Bau, doch in mir wuchs der Wunsch, zu studieren.

 

[1]    http://www.aktiv-gegen-kinderarbeit.de/welt/suedamerika/kolumbien/#footnote_6_2539

[2]    http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Aussenpolitik/Laender/Laenderinfos/Kolumbien/Kultur-UndBildungspolitik_node.html

pkleinIm neuen Jahr geht es weiter mit Alveiros Geschichte auf mum02.

Vielen Dank für euer Interesse. Ich wünsche euch ein glückliches, gesundes Jahr 2015 angefüllt mit wunderbaren Augenblicken.

Peggy

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Familienfreundlich?!, Leben mit Kindern, Mama international, Politik, Reisen

Papa in Kolumbien: Sag mir wo du wohnst und ich weiß, wieviel du verdienst (Teil 6)

 

In der kolumbianischen Kultur hat der Vater traditionell für den Lebensunterhalt zu sorgen. Allerdings ändert sich diese Haltung seit einigen Jahren. Um den Kindern eine gute Ausbildung zu ermöglichen, müssen gerade in Mittelstandsfamilien beide Eltern Geld verdienen. Der kolumbianische Staat unterstützt lediglich die ärmsten der Armen, und das auch nur mit Almosen. Liegt das Familieneinkommen unterhalb des Mindestlohn von rund 450 Euro (2415 Columbian Pesos) im Jahr, bekommen sie ungefähr 50 Euro jährlich für jedes Kind. Außerdem sind die staatlichen Schulen inzwischen kostenlos, zumindest in Bogotá. Die enormen sozialen Unterschiede innerhalb des Landes erkennt man in der Hauptstadt bereits an den durchnummerierten Vierteln. Villenviertel sind Bezirke der Kategorie sechs, Armengettos tragen die Ziffer null. Von Gerechtigkeit und Chancengleichheit sind wir Lichtjahre entfernt. Denoch ist es möglich, aus dem Kreislauf von Armut und Gewalt auszubrechen. Meine Geschichte und die meiner Frau sind Beweise dafür.

Dieser kurze Post ist nur der Auftakt zu Alveiros Lebensgeschichte, mit der es gleich morgen weiter geht.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Familienfreundlich?!, Mama international, Politik

Papa in Kolumbien: “Menschlichkeit ist wie ein Samen” (Teil 2)

Aus dem Leben eines engagierten Papas – hier folgt der zweite Teil von Alveiros Geschichte. Bis Weihnachten gibt es wöchentlich ein neues Kapitel mit Einblicken in sein Leben, beruflich und privat. Über euer Interesse und eure Kommentare freue ich mich und wünsche euch eine spannende Lektüre.

Kolumbien ist eine Kultur, in der wir unsere Zeit zwischen Familie und Arbeit aufteilen müssen. Dabei kommt die Familie in der Regel zu kurz, denn die durchschnittliche Arbeitszeit beträgt 48 Stunden pro Woche. Teilzeitstellen gibt es kaum, der Verdienst würde schlichtweg nicht ausreichen, um über die Runden zu kommen. Vor allem in den Städten kommt zur eigentlichen Arbeit eine An- und Abreise von oft über einer Stunde hinzu. Es ist also nicht ungewöhnlich, wenn wir 12 Stunden am Tag außer Haus sind, um zu arbeiten. Viele Kolumbianer sehen ihre Kinder daher kaum. Sie verlassen das Haus, wenn diese noch schlafen und kehren erst spät wieder heim, vor allem wenn sie abends eine Fortbildung besuchen.

Zum Glück sind da häufig Großeltern, die sich um die Kinder kümmern. Der familiäre Zusammenhalt in Kolumbien ist stark und erleichtert es, Kinder groß zu ziehen. Bei uns im Haus lebt die alleinstehende Tante meiner Frau, seit unsere erste Tochter zur Welt kam – ein wahrer Segen. Auch meine Frau arbeitet schließlich 48 Stunden die Woche. Wenn Termine anstehen, wie zum Beispiel ein Elternabend, sprechen wir uns rechtzeitig ab, um diese wahrnehmen zu können. Auch meine Geschäftsreisen lege ich mit Rücksicht auf meine Familie. Zwar habe ich einen verantwortungsvollen Posten, doch die Familie steht stets an erster Stelle. Es ist schon vorgekommen, dass ich eine geplante Geschäftsreise abgesagt habe, weil ich zu Hause gebraucht wurde.

 

Gewalt im Alltag

Wir Kolumbianer müssen friedlichere Menschen werden. Bewaffnete Konflikte, Drogenhandel, Gewalt auf der Straße und in den Familien behindern seit Jahrzehnten die Entwicklung einer friedfertigen Gesellschaft. Millionen meiner Landsleute haben im Lauf der Jahre ihre Heimatregionen verlassen. Sie stranden als Vertriebene am Rand der überfüllten Städte, in der verzweifelten Hoffnung auf ein besseres Leben. So ging es auch meiner Frau und mir, als wir noch Kinder waren und mit unseren Familien fliehen mussten.

Schon als Kind wollte ich etwas erreichen und habe mir stets Ziele gesetzt. Heute leite ich eine Organisation, die psychologische und materielle Unterstützung leisten kann. Mit der YMCA (zu deutsch: CVJM, Christlicher Verein Junger Menschen) helfen wir vertriebenen Kindern und Jugendlichen beim Ankommen, versuchen ihnen Selbstbewusstsein zu vermitteln und eine Perspektive. Wir wollen sie stärken und ihnen die Augen öffnen für bessere Alternativen, als die, sich einer bewaffneten Gruppierung anzuschließen. Nur so lässt sich die Spirale von Armut und Gewalt ausbremsen. Weißt du, Menschlichkeit ist wie ein Samen, es braucht nicht viel um ihn zu pflanzen, aber er kann großartige Früchte tragen.

Unsere Probleme sind zu groß, als dass eine Regierung sie lösen könnte. Daher bringt es nichts, die Verantwortung allein dem Staat zuzuschieben. Jeder einzelne kann in seinem Umfeld hinschauen, den Mund aufmachen, ein Mentor sein. Schließlich sehnt sich der Großteil der Kolumbianer nach Frieden. Weniger potentielle Akteure heranzuziehen ist unsere einzige Chance, diese Sehnsucht zu erfüllen. Denn Schuld am kolumbianischen Konflikt sind in erster Linie nicht die Waffen, sondern die Menschen.

 

 

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Familienfreundlich?!, Leben mit Kindern, Mama international, Politik, Reisen

Papa in Kolumbien: „Auf eine neue Familie kannst du dich nicht bewerben“ (Teil 1)

Vergangenen Donnerstag war ich zu Gast auf Schloss Falkenberg für eine Lesung. Statt dem einen Quotenmann waren quasi 10 Männer anwesend  (darunter allerdings auch mein eigener Mann sowie unsere beiden Söhne). Dennoch: Rekord! Für mich auf jeden Fall ein Anlass, Papas ins Rampenlicht von mum02 zu rücken. Zuletzt habe ich Andi aus Schweden hier vorgestellt, das ist schon eine Weile her. Zum Thema „working dads international“ möchte ich euch Alveiro aus Kolumbien vorstellen. Ihn habe ich über sein Leben als engagierter Papa mehrfach interviewt. Entstanden ist ein ausführliches Kapitel über das Familien- und Arbeitsleben in einem Land, das ganz andere Regeln folgt als unseres.

Acht Wochen vor Weihnachten fällt mir dazu ein, eine Fortsetzungsgeschichte daraus zu machen, eine andere Art Adventskalender, verpackt in wohlbekömmliche Päckchen. Claro que sí!

Alveiro mit seiner Familie

Alveiro mit seiner Familie

Steckbrief Kolumbien.

Einwohner: 46 Millionen

Fläche: 1,141 Mio. km2
Hauptstadt: Bogotá; ca. 7,3 Mio. Einwohner

Regelarbeitszeit: 48 Stunden pro Woche

Finanzielle Unterstützung für Familien / Mutterschutz und Elterngeld: Drei Monate Mutterschutz, beginnt eine Woche vor dem Geburtstermin. Väter bekommen nach der Geburt fünf Tage frei. Die Kinderbetreuung wird meist privat geregelt.

Zahlenquelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Kolumbien

 

Sie ziehen sich wie eine Perlenkette durch Alveiros 50-jähriges Leben: Menschen, die an ihn geglaubt und ihn unterstützt haben. Hart zu arbeiten und für andere da zu sein ist für den Landesvorsitzender des kolumbianischen YMCA essentiell. Längst ist aus ihm selbst eine Perle geworden, ein Mentor, der es sich zum Beruf gemacht hat, Menschen weiter zu helfen. Oberste Priorität in seinem Leben haben seine Töchter (8 und 10 Jahre) – wenn sie ihn brauchen, sagt er schon mal eine Geschäftsreise ab.

„Meine Frau und ich sind seit 11 Jahren ein Paar. Wir haben zwei Töchter. Danna Sophia ist zehn geworden, Juliana acht Jahre alt. Wir stehen uns sehr nahe, reden unglaublich viel. Jeden Abend erzählen sie mir von ihrem Tag und fragen nach, was ich erlebt habe. Ich liebe meine Arbeit und früher bin ich auch liebend gerne gereist. Doch seit wir Kinder haben, sind die vielen Reisen das Schlimmste für mich. Denn dann vermisse ich meine Kinder so sehr. Zum Glück verstehen die Mädchen, dass die vielen Geschäftsreisen Teil meines Jobs sind, schließlich sind sie damit aufgewachsen. Oft helfen sie mir beim Packen. Indem ich sie involviere, erleichtere ich uns die Trennung. Umso älter sie werden, umso mehr Zeit wollen sie mit mir verbringen. Sie haben so viele Fragen. Wenn ich zwei, drei Tage weg bin, beginnen sie mich zu vermissen, sie schreiben mir E-Mails und liebe Nachrichten. Nächste Woche ist es wieder soweit: Eine kleine CVJM-Delegation aus Deutschland hat sich angekündigt und ich werde mit ihnen durchs Land reisen. Komme ich an normalen Tagen abends nach Hause, werde ich verwöhnt. Danna und Juliana massieren mich, kratzen mir den Rücken, kämmen mir die Haare. Oft höre ich: „Papa, ich liebe dich!“ Sie haben wirklich keinerlei Hemmungen, ihre Gefühle zu zeigen. Das macht mich sehr glücklich, denn ich habe uns als Familie immer dazu ermutigt. Es ist wichtig, Gefühle in Worte fassen zu können. Doch die meisten Menschen haben das nie gelernt.“

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Familienfreundlich?!, Leben mit Kindern, Mama international, Politik, Reisen

„Das Glück hat kein Preisschild“

Rezension zu „Kindheiten. Wie kleine Menschen in anderen Ländern groß werden.“MSchonhoeft_Kindheiten_06-4

Wo wohnt es eigentlich, das Glück? Weltweit wünschen sich Eltern glückliche Kinder, aus denen glückliche Erwachsene werden sollen. Aber wie funktioniert Erziehung  in anderen Kulturkreisen? Japan setzt auf Wohlfühl-Kitas, die Inuit auf Gelassenheit, bibeltreue Amerikaner glauben an die Züchtigung ihrer Kinder, in Schweden heißt ein Zauberwort „Inklusion“. Auch haben die Schweden bereits 1991 die Austrahlung von Werbung bei Kindersendungen verboten. Sind skandinavische Kinder deshalb laut Statistik glücklicher als der Durchschnitt? So wie übrigens auch der niederländische Nachwuchs, dessen Eltern besonders viel Zeit mit ihren Kindern verbringen. Intuitiv spüren wir: Nicht „Zeit ist Geld“, Zeit zu haben ist Glück.

Das Glück hat kein Preisschild ist denn auch meine persönliche Lieblingsheadline in Michaela Schonhöfts Buch „Kinderheiten“. Und es nimmt einen wichtigen Teil der Antwort vorweg auf die Eingangsfrage nach dem Glück: Zeit, Wissen, Natur und Nestwärme gehören zu den wichtigsten Zutaten für eine glückliche Kindheit.

Auf 357 Seiten breitet die Journalistin, Soziologin und Globetrotter-Mama Michaela Schonhöft das „Weltwissen der Erziehung“ aus. Mit der Autorin habe ich auch ein Interview geführt. Mich hat die Tiefe und Breite ihres Werkes beeindruckt. Die gesammelten Anekdoten, Geschichten und Fakten ergeben ein rundum lesenswertes Kaleidoskop. Ausgangspunkt des Sachbuchs ist die Frage nach dem Glück. Sie zieht sich wie ein Leitmotiv durch das Buch. Es gipfelt in der Betrachtung, wie eine kinderfreundliche Gesellschaft aussieht. Hier kann gerade Deutschland noch einiges lernen: Dass Kinder nämlich nicht nur eine Bezugsperson brauchen, sondern die Erziehung besser auf viele Schultern verteilt wird. Dass Glück nicht gleichbedeutend ist mit Leistung und Erfolg. „Eine Gesellschaft offenbart sich nirgendwo deutlicher als in der Art und Weise, in der sie mit ihren Kindern umgeht„, wird Nelson Mandela zitiert. Kinder seien schließlich der größte Reichtum jeder Gesellschaft. Doch nicht nur auf gesellschaftlicher Ebene bietet der Blick in fremde Kulturen neue Erkenntnisse. Auch für meine eigene Familie habe ich einiges rausgelesen aus diesem facettenreichen, absolut lesenswerten Buch.

Das Buch „Kindheiten“ von Michaela Schonhöft ist erschienen im Pattloch-Verlag, München, 2013.

Autorin Michaela Schönhoft. Bild: Anke Jacob.

Autorin Michaela Schönhoft. Bild: Anke Jacob.

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Familienfreundlich?!, Leben mit Kindern, Mama international, Reisen

Schwanger in New York: Penner, Prostituierte und ein Neugeborenes

Kinderkriegen in New York vs. Deutschland: Sarah erzählt

Kinderkriegen in New York vs. Deutschland: Sarah erzählt bei mum02 darüber

 

Eine deutsche Freundin von mir hat ihr erstes Kind bekommen – nicht in Deutschland, sondern mitten im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, in New York City, Lower Manhattan. Was sie darüber erzählt, zeigt mir mal wieder, dass wir hierzulande sehr gut versorgt sind. Auch als ganz normale Kassenpatientin. Denn unbegrenzte Möglichkeiten können manchmal grenzenlos unheimlich sein. Oder wie Sarah sagt „New York ist nichts für Weicheier“. 

Die Geburt

Sarah*: „Insgesamt dauerten Wehen und Geburt 35 Stunden, ohne Pause. Zuerst waren wir lang daheim. Als die Wehen immer heftiger wurden, marschierten mein Mann und ich zu Fuß ins vier Minuten entfernte Krankenhaus. Dort bekam ich eine PDA, die sie für drei Stunden haben wirken lassen. Das war herrlich. Aber da ich dann keine richtigen Wehen mehr hatte, haben sie sie wieder abgestellt und die „push phase“ ging dann unbetäubt über fast vier Stunden, so dass ich am Schluss echt gedanklich mit dem Leben abgeschlossen hatte. Ich habe noch nie so was Anstrengendes hinter mich gebracht. Leider hab ich auch viel Blut verloren, so dass ich danach ziemlich blass und wackelig war. Und da sie mich und unser Baby nach 24 Stunden schon heimgeschickt haben, „wurschtelten“ mein Mann und ich uns fortan so durch.“

Nightmare im Emergency Room: Penner, Verbrecher, Prostituierte und ein Neugeborenes

Sarah: „Ich habe einen fiesen Dammschnitt bekommen, der mir sehr zu schaffen machte. Einen Tag nach der Entlassung aus dem Krankenhaus ist er zum ersten Mal wieder aufgeplatzt. Zu Fuß eilten wir – ich im Schlafanzug – in den Emergency room (das Krankenhaus liegt nur vier Gehminuten entfernt). Es war erneut eine Grenzerfahrung. Wir sind um 22 Uhr dort eingelaufen und kamen erst morgens um 2 Uhr wieder raus! Warum? Weil sich die Abteilungen des Krankenhauses nicht absprechen und man uns „vergessen“ hatte. Die vier Stunden werden mir nicht nur aufgrund meiner irren Schmerzen, sondern vor allem aufgrund der Gesellschaft dort, immer im Gedächtnis bleiben. Wir teilten die dreckigen Räumlichkeiten mit einem betrunkener Penner, den sie zur Ausnüchterung auf einer Pritsche festgebunden hatten und der dauernd schrie, weil ihm das nicht passte. Auf der anderen Seite lag ein Verbrecher in Handschellen, bewacht von zwei Polizisten mit Knarre im Anschlag, der zusammengeflickt wurde. Dazu kamen zwei verprügelte Prostituierte, die sich gegenseitig die ganze Zeit angeschrien haben. Dazwischen mein Mann, unser zwei Tage altes Baby und ich mit meinen Schmerzen. Wahrscheinlich hätte auch ich viel lauter schreien sollen. Endlich wurde ich dann genäht. Das tat scheusslich weh und mir war hinterher einfach nur schlecht. New York ist bestimmt kein Platz fuer Weicheier… “

Krankenkasse und finanzielle Unterstützung? Mager…

Sarah: „Wir bekommen, anders als in Deutschland, keinerlei staatliche Unterstützung. Lediglich eine minimale Steuererleichterung. Diese wird aber mehr als aufgefressen, weil nun die Krankenversicherung für eine Familie und nicht mehr für ein verheiratetes Paar berechnet wird…  Die Krankenkassenleistungen sind auch eher bescheiden, ein Selbstbehalt selbstverständlich. Beispielsweise für:

  • Geburt & Emergeny Room: $ 1000 Selbstbeteiligung
  • Akupunktur / Chiropraktiker: $ 800, komplett selbst bezahlt, wird nicht unterstützt
  • Private Hebamme für Geburtsbegleitung: $ 2000 plus Zusatzdienstleistungen nach der Geburt
  • Medikamente nach der Geburt: $ 100, alles Selbstzahler“

Hebammenbetreuung und Mutterschutz – ein Luxus

Sarah: „Eine Hebammenbetreuung gibt es nicht. Allerdings kenne ich eine deutsche Hebamme hier, die schon zu uns nach Hause kam und Hilfestellung gegeben hat. Das kostet dann aber 80$ pro Stunde. Es ist schon herrlich, was Deutschland diesbezüglich alles bietet. Aus meiner momentan Sicht das reinste Schlaraffenland. Trotzdem bekommen die Amis Kinder wie die Verrückten. Und die Deutschen heulen dagegen oft, wie schlecht alles ist. Schade. Ich habe durch die Zeit in New York wirklich eine hohe Wertschätzung entwickelt für vieles in der alten Heimat. Es ist nicht alles super, aber vieles wirklich sehr gut. Der deutsche Mutterschutz zum Beispiel. Eine gesetzliche Regelung gibt es hier in den USA nicht wirklich, man arbeitet bis zur Geburt und anschließend durfte ich gerade mal einen Monat zu Hause bleiben.“

* Den Vornamen haben wir geändert.

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Familienfreundlich?!, Frau und Job, Mama international, Politik, Wiedereinstieg Teilzeit und Motivation

Mit der neuen Reisetasche direkt ins Fernsehen

Stellt euch vor, ihr kauft euch eine Tasche und das Fernsehen berichtet darüber? Diese witzige Geschichte ist mir passiert, dank Carmen Bleile. Sie wohnt in Reutlingen und hat sich im Herbst 2011 selbständig gemacht mit einem Atelier für Taschen – besonderen Taschen. Als sie mitbekam, dass ich einen kleinen Karton mit „allerliebsten Babykleidern“ meiner Söhne im Keller lagere, schlug sie mir vor, daraus eine Reisetasche für meine Familie zu machen. Die Geschichte gefiel auch dem SWR, der darüber einen Fernsehbeitrag für die Landesschau drehte.    

Das SWR-Fernsehteam dreht die Fertigstellung der „Lili-Baby“ im Atelier von Carmen Bleile, 26.2.2013

Das SWR-Fernsehteam dreht die Fertigstellung der „Lili-Baby“ in Carmens Atelier, 26.2.2013

Vor drei Wochen wurde die „Klamottenübergabe“ an Carmen gedreht, zwischendurch der Entstehungsprozess an der Nähmaschine und gestern war das Fernsehteam wieder bei mir zu Hause, als Carmen mir die fertige Tasche präsentiert hat. Begeistert haben mich neben der tollen Verarbeitung vor allem die vielen witzigen Details, Geheimfächer und Klettverschlüsse. Diese Tasche wird oft mit uns verreisen und ist ein sehr tragbares Erinnerungsstück.

Lili-Baby (23)web

Ich simuliere die erste Reise mit der Lili-Baby im Gepäck, 26.2.13.

Ich simuliere die erste Reise mit der Lili-Baby im Gepäck, 26.2.13.

Der Sendetermin ist Freitag,  1.3.2013 in der SWR Landesschau ab 18:45. Die Sendung ist im Anschluss online abrufbar, hier der Link: http://swrmediathek.de/player.htm?show=0d0e70b0-829e-11e2-8c22-0026b975f2e6 .

Carmen ziert das Plakat der Gründermesse Neckar-Alb.

Carmen ziert das Plakat der Gründermesse Neckar-Alb.

Die „Lili-Baby“ Reisetasche für uns entsteht.

Die „Lili-Baby“ Reisetasche. Der Tauf-Pullunder vorne drauf ist jetzt eine Außentasche.

Am kommenden Freitag (1.3.2013) stellen Carmen und ich übrigens unabhängig voneinander auf der ersten „Gründermesse Neckar-Alb“ aus. Dafür leihe ich ihr auch unsere Lili-Baby nochmal. „Danach geben wir sie nicht mehr her!“, sagen meine Söhne.

Carmens Label: taschen taolili

Hier noch der Werbeblock 😉 –  aber das müsst ihr einfach wissen! Aus liebgewonnenen textilen Erinnerungsstücken schneidert Carmen Bleile Taschen und Accessoires mit raffinierten Hingucker-Elementen.  „Der Phantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt: Der Rock wird zur Reisetasche, das Hochzeitskleid zum Urlaubsbegleiter. So glänzt das Erinnerungsstück wieder als „recycelter Begleiter“, sagt Carmen. Alle Produkte sind handgefertigt und „made in Germany“ (by Carmen natürlich). Nachhaltiger geht nicht. Wenn ihr auch so eine oder eine ganz andere Tasche haben wollt: Carmen freut sich über Anfragen (hand@taschen-taolili.de).

7 Kommentare

Eingeordnet unter Leben mit Kindern, Reisen

Buchverlosung auf Septembermorgen.com

mum02 geht fremd….. mit „Septembermorgen“. Auf diesem schönen Blog seht ihr hier  http://www.septembermorgen.com/x-fragen-an-mum02-buchvorstellung-zwischen-karriere-und-krabbelgruppe-verlosung/ Bilder von mir und meinem Zuhause und lest meine Antworten zu Katjas Fragen, frei nach dem Motto »Wie machen das eigentlich die anderen (Mamas)?«. Wer bis zum 3.3.13 einen Kommentar dazu auf Septembermorgen hinterlässt, hat die Chance ein Exemplar von „Zwischen Karriere und Krabbelgruppe“ zu gewinnen. Viel Spaß dabei und habt noch ein schönes Winterwochenende!

 

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Familienfreundlich?!, Frau und Job, Leben mit Kindern, Mama international, Reisen, Wiedereinstieg Teilzeit und Motivation

Die besten Bücher 2012

meerderbücherGestern meinte eine (kinderlose) Freundin zu mir, sie mache sich endlich mal wieder einen gemütlichen Lesetag auf dem Sofa. Ich war beeindruckt. Und mir fiel ein, dass ich so etwas in grauer Vorzeit auch  gesagt und getan haben mag. Einen ganzen Tag einfach nur lesen. Könnte ich das überhaupt noch? Als Mama bin ich froh, wenn spät abends noch genug Wachheit und Muse da ist, zu lesen was ich lesen will. Doch als passionierte Bücher-Verschlingerin finde ich diese Zeit, ich horte Bücher nicht nur auf meinem Nachttisch, auch im Bad, in der Küche, in der Handtasche –  um gewappnet zu sein und in etwaigen freien Minuten sofort los zulegen mit dem Lesen. So macht es vermutlich auch Bücherwurm Mariki, denn wie anders hätte sie es geschafft, 2012 sagenhafte 114 Bücher zu vertilgen (und darüber zu bloggen unter http://buecherwurmloch.wordpress.com/). Respekt! Ganz so viele waren es bei mir nicht, aber (Achtung: Guter Vorsatz) ich habe vor, im Jahr 2013 mal mitzuzählen.

2012 habe ich nicht nur mein erstes eigenes Buch veröffentlicht, sondern auch viele Bücher und Texte gelesen, studiert, verschlungen oder gar „inhaliert“. Wenigstens eine Handvoll der Bücher, die mich dabei beeindruckt haben, möchte ich euch kurz vorstellen:

„Frerk, du Zwerg“ von Finn-Ole Heinrich: Bin auf der Frankfurter Buchmesse zufällig in seine Lesung geraten und geblieben – ein irrsinnig komisches und zugleich tiefsinniges Kinderbuch. Meine Kinder müssen mich nie zweimal fragen, ob ich es NOCH EINMAL vorlese.

„Rock your life“ von Rudolf Schenker: Ja, der Gründer und Gitarrist der Scorpions hat nicht nur ein Buch geschrieben, sondern gleich ein neues Genre begründet: Die Ratgeberbiographie. Das Vorwort stammt von seinem Kumpel Paulo Coelho. Nicht nur für Rockfans eine Wucht.

„Die Klatschmohnfrau“ von Noëlle Châtelet ist eine märchenhafte Liebesgeschichte und spielt dazu auch noch mitten in Paris. Marthe ist siebzig, Félix achtzig Jahre alt, als ihre Leidenschaft füreinander entflammt. Wunderschön webt Châtelet die Geschichte und beweist, das Liebe und Sexualität nicht in Rente gehen (müssen).

„Leben in Israel“ von Michael Borgstede habe ich zu Recherchezwecken gelesen für mein Kapitel über Galit aus Tel Aviv. Dank den großartig erzählten Geschichten lernte ich viel über ein kompliziertes Land und sein – trotz allem – äußerst lebensfrohes (und enorm kinderliebes) Volk.

Wenn man globale Geschichten sammelt, liegt es nahe, solche auch zu lesen. So reiste ich in Gedanken mit Helge Timmerberg „In 80 Tagen um die Welt“, radelte mit Tilmann Waldthaler vom „Nordkap – Neuseeland“, tauchte ein in die Wildnis Kanadas mit Sanna Seven Deers „Feuerblume“ und ruhte über Weihnachten „Unter dem Flammenbaum“, Nicola Vollkommers autobiographischem Roman über ihre abenteuerliche Kindheit in Nigeria.

Mit ganzem Herzen Mama zu sein UND Globetrotterin ist schwer vereinbar, daher bin ich froh um die wunderbaren Bücher, die mich teilhaben lassen an Abenteuern auf der großen weiten Welt. In diesem Sinne wünsche ich euch allen ein gutes neues Jahr, in dem ihr eure Träume nicht aus den Augen lasst 😉

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Familienfreundlich?!, Leben mit Kindern, Lustig, Mama international, Reisen