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Papa in Kolumbien: Rituale tun richtig gut (Teil 11)

Alveiro aus Kolumbien erzählt:

Ich bin immer ein sehr positiver, enthusiastischer Mann gewesen. Als ich jung war, konnte ich spirituelle Dinge weniger schätzen. Jetzt wo ich Kinder habe und älter bin, reflektiere ich mehr. Meinen Kindern und Mitmenschen möchte ich vermitteln: „Um dich herum gibt es viele, die leiden, denen es schlechter geht als dir. Halte dir das vor Augen und schätze, was dir zuteilwurde“. Nach dem Aufwachen und vor dem Schlafengehen bete ich zu Gott und danke ihm. Als Familie sind uns Rituale sehr wichtig. Am letzten Samstag jeden Monats feiern wir zu Hause einen “Talentabend”. Unsere Töchter lassen sich jedes Mal eine Überraschung für uns einfallen: Sie proben ein Lied oder einen Tanz, denken sich ein kleines Thaterstück aus. Als wir kürzlich das betreffende Wochenende mit Freunden verbrachten, schienen die ganz schön erstaunt, was unsere kleinen Mädchen auf die Beine stellten. Obwohl wir gar nicht zu Hause waren fragten Danna und Juliana gegen Abend: “Ist es Zeit für unseren Auftritt?”. Im Garten des Ferienhauses schufen sie eine Bühne, die sie mit Luftballons dekorierten. Sie verkleideten sich und gingen völlig auf in ihrer Darbietung.

 

Rituale sind ein schöner Weg, die Perspektive zu wechseln und der Kreativität freien Lauf zu lassen. Es gibt so viele Möglichkeiten, seinen Kindern zu signalisieren: “Ich liebe euch, ich bin für euch da”. Man braucht ihnen nicht unbedingt etwas zu kaufen. Viel eher ermutige ich sie, selbst etwas zu machen. Erziehung heißt für mich, mit den Kindern zu reden, eine Atmosphäre zu schaffen in der sie sich wohl fühlen, etwas beitragen können, gehört werden, Erlebnisse teilen können. Auch im Umgang mit anderen Menschen halte ich diese Werte hoch. Es ist der beste Weg zu einem friedlichen Miteinander, zu einem friedlicheren Kolumbien.

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Papa in Kolumbien: Über Karriere, Kinder, Tanzen und Leidenschaft (Teil 10)

Was mir Karriere bedeutet? Sie ist mir wichtig und ich liebe meine Arbeit leidenschaftlich. Durch sie kann ich das Leben von Menschen positiv beeinflussen. So vieles verdanke ich der Tatsache, dass ich gutes Englisch lernen durfte: Ich treffe Menschen mit unterschiedlichsten Hintergründen und bereise viele Länder.

Zum anderen bin ich wahnsinnig stolz auf meine Töchter. Ihre Ankunft hat mich auf jeden Fall verändert. Kinder geben dem Leben mehr Bedeutung. Beispielsweise genieße ich es so sehr, nach Hause zu kommen. Schon wenn ich das Büro verlasse, freue ich mich darauf, Zeit mit meinen Kindern verbringen zu können. Komme ich zur Tür herein, fallen sie mir oft in die Arme und küssen mich. Wenn sie noch nicht mit den Hausaufgaben fertig sind, helfe ich ihnen dabei. Oder wir tanzen. Ich werde selbst wieder zum Kind. Du weißt ja, ich arbeite viel mit jungen Menschen und kann mich gut in sie hineinversetzen, auch kenne ich viele Lieder aus den Camps. Zuhause nennen sie mich daher auch ihr „Entertainment Commity“. Ich ziehe Grimassen und wir bringen uns gegenseitig zum Lachen. Wir rollen auf dem Teppich herum und haben Spaß. Hätte ich Söhne, würde ich diese sicher genauso genießen, aber mit Töchtern ist es vielleicht ein wenig besonders. Es gibt wohl so eine spezielle Liebe zwischen Töchtern und Vätern. Meine Frau witzelt manchmal: „Oh, ihr liebt nur euren Papa, mich liebt ihr nicht“, aber natürlich lieben sie ihre Mama über alles, das weiß sie auch.

 

Tanzen ist meine große Leidenschaft. Früher war ich ein guter Salsa-Tänzer, als Student ging ich freitagabends immer aus und feierte bis in die Nacht. Beim Fussball bin ich ein begeisterter Zuschauer, den Uefa-Cup verpasse ich nie. Ich wünschte, ich wäre selbst sportlicher. Yudy und ich haben uns vorgenommen, gemeinsam mehr Sport zu treiben – laufen zu gehen oder Fahrrad zu fahren. Wir beide sollten ein wenig abnehmen, doch die Arbeit ist eine gute Ausrede.

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Papa in Kolumbien: YMCA als Sprungbrett (Teil 9)

Dank seiner aufgeschlossenen Art und guter Englischkenntnisse steigt Alveiro beim YMCA ein und auf:

Boyscout Camps und neue Freunde

Mein erster Auftrag führte mich während den Sommerferien nach Pennsylvania in ein Boyscout Camp, eine Art Pfadfinderlager. Kurz darauf hängte ich den Verkäuferjob an den Nagel und wurde Vollzeitlehrer. Während der Sommerferien nahm ich wieder einen Job als Campguide an, für drei Monate im Upstate New York. Wieder traf ich einen Menschen, der mich einen Schritt weiterbrachte: Er bot mir die Teilnahme an einem Traineeprogramm für „Recreation“ (Freizeitgestaltung) an. Die 18-monatige Ausbildung fand im US-Bundesstaat Conneticut statt. Während dieses Aufenthalts tauchte ich ein in die Kultur des Landes und lernte wirklich gut Englisch zu sprechen.

 

Programmdirektor und Lehrer

Im Jahr darauf bot mir die YMCA Kolumbien an, das International Camp Counselor (ICCP)-Programm auf ehrenamtlicher Basis zu leiten.[1] Nebenher arbeitete ich weiterhin als Englischlehrer. Sieben Jahren später berief mich die internationale YMCA nach New York City, wo ich ein halbes Jahr in administrativen Dingen geschult wurde. Zurück in Kolumbien wollte die damalige Geschäftsführerin der YMCA Kolumbien mich in Vollzeit einstellen. Das kam sehr unerwartet. An für sich war ich glücklich als Lehrer, ich unterrichtete zu der Zeit an zwei verschiedenen Universitäten und verdiente genug Geld, um meinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Der Job bei der YMCA versprach mehr Arbeit und weniger Geld. Doch sie blieb hartnäckig: „Ob in Teil- oder Vollzeit, ich will dich hier an der YMCA Bogota haben. Du hast viele Talente und passt gut hier her.“ Sie verpasste mir eine Art Gehirnwäsche, in dem sie mir quasi täglich vor Augen hielt, wie viel ich bereits von der Organisation profitiert hätte, dass ich diese Erfahrungen weitergeben sollte und Geld schließlich nicht alles wäre. Schließlich stimmte ich einer Vollzeit-Anstellung zu, behielt aber meinen Abendjob an der Uni bei.

 

Von der Mutterschaftsvertretung zum Generalsekretär

Fünf Jahre später sollte ich dann als Mutterschaftsvertretung zusätzlich die nationale YMCA-Geschäftsführung übernehmen. „Klar, das mache ich gern“, sagte ich. Als die drei Monate um waren, kündigte meine Vorgängerin. Die Position beinhaltet viel Reisetätigkeit und sie wollte ihr Baby nicht so häufig allein lassen. So wurde ich im März 2003 unverhofft zum Generalsekretär der YMCA-Organisation Kolumbiens.

Die Camps, mit denen alles anfing, sind nach wie vor ein wichtiger Teil meiner Arbeit. Sie leisten einen erheblichen finanziellen Beitrag und sorgen dafür, dass wir nicht allein von den Beiträgen der lokalen Gruppen abhängig sind.

[1]    http://www.iccpymca.org/html/begin_customer_registration.cfm

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Papa in Kolumbien: „Mach weiter, bleib dran, gib nicht auf!“ (Teil 8)

Und so geht Alveiros Lebensgeschichte weiter:

 

Menschen wie Perlen auf meinem Lebensweg

Zu der Zeit trat ein Mann in mein Leben, der ein Hotelrestaurant besaß. Ich erzählte ihm von meinen Träumen und Hoffnungen und dass ich mehr aus meinem Leben machen wollte. Er schien mich zu mögen und hatte vielleicht ein wenig Mitleid. Jedenfalls bot er mir einen Job an. Ich begann als Aushilfe, putzte, erledigte Wartungsaufgaben und alles was so anfiel. Mit der Zeit stieg ich auf, lernte Cocktails zu mixen und wurde Barmann und Kellner.

Vier Jahre später liefen die Geschäfte schlecht und ich sollte auf Teilzeit reduzieren. Notgedrungen schaute ich mich nach einer anderen Stelle um, denn ich brauchte einen Vollzeitjob, um genug zum Leben zu haben. So kam ich in ein Drei-Sterne-Hotel als Türsteher. Höflich, freundlich und aufgeschlossen wie ich war, machte ich dabei offensichtlich einen guten Eindruck und wurde nach kurzer Zeit zum Hotelpagen befördert. Mit dem Hotelbesitzer stand ich allerdings auf Kriegsfuß, er war nicht nur superreich sondern arrogant und aggressiv.

Zwischenzeitlich hatte ich wiederum einen einflussreichen Mann kennengelernt, der mich und meine Art sehr mochte. „Wenn du je einen Job brauchen solltest, ruf mich an“, hatte er mir versichert. Eines Tages tat ich genau das. Er besaß einen Juwelierladen, indem ich fortan arbeitete. Doch er war weit mehr als mein Chef. Er wurde mein Mentor und bestärkte mich auf meinem Weg. Wie ich tagsüber arbeitete und abends studierte, fand er klasse. Wenn mir Zweifel kamen, wischte er sie weg: „Mach weiter, bleib dran an deinem Studium, gib nicht auf!“. Er war wirklich überzeugt von mir, vertraute mir sogar den Schlüssel zum Safe an, in dem er Bargeld und wertvolle Juwelen verwahrte.

1998 schloss ich die Abendhochschule mit dem Bachelor in Englisch ab und wurde Berufsschullehrer in Bogota. Wiederum hatte ich zwei Jobs: Der Unterricht an beruflichen Schulen findet bei uns abends statt, tagsüber arbeitete ich als Zeltverkäufer. Parallel engagierte ich mich ehrenamtlich bei der YMCA – ich war also ganz schön beschäftigt. Kurz vor meinem Bachelorabschluss hatte ich von sogenannten „English Camps“ des YMCA in Kolumbien gehört. Dort konnte man seine Englischkenntnisse anwenden und Menschen kennenlernen. Spontan nahm ich an einem dreitägigen Camp teil. Ich gewann viele Freunde aus unterschiedlichen Branchen und Regionen, darunter auch US-Amerikaner. Es machte mir so großen Spaß, das ich bis heute dabei geblieben bin. Vom Kursteilnehmer wurde ich bald zum ehrenamtlichen Helfer für Organisation und Logistik und schließlich zum Betreuer internationaler Camps des YMCA.

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Papa in Kolumbien: „Mit 10 Jahren musste ich Geld verdienen“ (Teil 7)

Was reden die da?

Diese fremdartige Sprache hörte ich zum ersten Mal als Teenager, ich war damals Laufbursche in einem Hotel. Neugierig wie ich war fand ich heraus: Es war Englisch. Das wollte ich auch lernen. Und so wurde ich Englischlehrer. Doch am besten ich erzähle meine Geschichte ganz von vorne:

Meine Familie stammt aus Aguadas in der Provinz Caldas, gut zehn Stunden entfernt von Bogota. Ich habe vier Brüder und zwei Schwestern. Mein Vater war Kaffeebauer, ein einfacher Arbeiter mit geringem Verdienst. Meine Mutter kümmerte sich zu Hause um uns, sieben Kinder zu erziehen ist harte Arbeit. Immer wieder flammten bewaffnete Konflikte in unserer Gegend auf, zwischen der kolumbianischen Armee, linken und rechten Guerillakriegern. Ich war gerade sieben Jahre alt, mein jüngster Bruder noch ein Baby, als meine Eltern die Gegend verlassen mussten, um nicht selbst Opfer der Gewalt zu werden. Sie gingen mit uns nach Bogotá, wo wir Unterschlupf bei der Familie meines Onkels fanden. 14 Personen teilten sich ein einziges Zimmer. Wenn ich daran zurückdenke, weiß ich umso mehr zu schätzen, was ich heute habe.

Mein Vater fand Arbeit auf dem Bau, eine leider schlecht bezahlte Tätigkeit. Daher mussten meine älteste Schwester und mein großer Bruder zum Unterhalt der Familie beitragen, sie waren damals 14 und 16 Jahr alt.[1] Auch ich fing früh an zu arbeiten, mit 10 Jahren hatte ich die ersten Aushilfsjobs. Zunächst half ich in den Ferien auf dem Bau, schleppte Ziegelsteine und mischte Zement an. Nach der neunjährigen Regelschule wechselte ich auf die Abendschule und arbeitete tagsüber in Vollzeit.[2] So konnte ich die vollen elf Jahre zur Schule gehen und mein Abitur machen. Allerdings bin ich im Klassenzimmer oft eingeschlafen – die Arbeit auf dem Bau war anstrengend.

Nach vier Jahren hatte ich genug davon und beschloss, mir etwas anderes zu suchen. So fing ich in einem Supermarkt an, mit meinem Einkaufswagen lieferte ich den Leuten ihre Einkäufe nach Hause. Damals hatten die wenigsten Leute ein Auto und häufig sah man Jungs in den Straßen, die solche Dienste übernahmen. In sechs Monaten bekam ich dabei mehr Trinkgeld als ich vorher auf dem Bau verdient hatte. Doch dann wurde mein Einkaufswagen gestohlen. Frustriert kehrte ich zurück auf den Bau, doch in mir wuchs der Wunsch, zu studieren.

 

[1]    http://www.aktiv-gegen-kinderarbeit.de/welt/suedamerika/kolumbien/#footnote_6_2539

[2]    http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Aussenpolitik/Laender/Laenderinfos/Kolumbien/Kultur-UndBildungspolitik_node.html

pkleinIm neuen Jahr geht es weiter mit Alveiros Geschichte auf mum02.

Vielen Dank für euer Interesse. Ich wünsche euch ein glückliches, gesundes Jahr 2015 angefüllt mit wunderbaren Augenblicken.

Peggy

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Papa in Kolumbien: Sag mir wo du wohnst und ich weiß, wieviel du verdienst (Teil 6)

 

In der kolumbianischen Kultur hat der Vater traditionell für den Lebensunterhalt zu sorgen. Allerdings ändert sich diese Haltung seit einigen Jahren. Um den Kindern eine gute Ausbildung zu ermöglichen, müssen gerade in Mittelstandsfamilien beide Eltern Geld verdienen. Der kolumbianische Staat unterstützt lediglich die ärmsten der Armen, und das auch nur mit Almosen. Liegt das Familieneinkommen unterhalb des Mindestlohn von rund 450 Euro (2415 Columbian Pesos) im Jahr, bekommen sie ungefähr 50 Euro jährlich für jedes Kind. Außerdem sind die staatlichen Schulen inzwischen kostenlos, zumindest in Bogotá. Die enormen sozialen Unterschiede innerhalb des Landes erkennt man in der Hauptstadt bereits an den durchnummerierten Vierteln. Villenviertel sind Bezirke der Kategorie sechs, Armengettos tragen die Ziffer null. Von Gerechtigkeit und Chancengleichheit sind wir Lichtjahre entfernt. Denoch ist es möglich, aus dem Kreislauf von Armut und Gewalt auszubrechen. Meine Geschichte und die meiner Frau sind Beweise dafür.

Dieser kurze Post ist nur der Auftakt zu Alveiros Lebensgeschichte, mit der es gleich morgen weiter geht.

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Papa in Kolumbien: „Ich bin das Unterhaltungsministerium der Familie“ (Teil 5)

Alveiro erzählt:

In unserer Familie verkörpere ich das Unterhaltungsministerium. „Lasst uns Eis essen gehen“; „Kommt wir gehen ins Kino“, „Tanzen wir doch durchs Haus“ – ich sprühe nur so vor bunten Ideen. An meiner Frau bleiben oft die weniger angenehmen Arbeiten hängen, organisatorische Dinge. Seit meine Frau Yudy ihren Master absolviert hat, verbringt sie wieder mehr Zeit mit den Kindern. Meist kommt sie vor mir nach Hause und hilft bei den Hausaufgaben. Wir necken uns häufig, was die Aufgabenverteilung anbelangt. Ich sehe meine Familie nicht so viel, und so packe ich möglichst schöne Erlebnisse in unsere gemeinsame Zeit. Ich möchte mit ihnen tanzen, lachen und Spaß haben.

 

Über Werte und Gleichberechtigung

Eine vollkommen gleichberechtigte Aufteilung haben wir sicher nicht in allen Bereichen, weder finanziell noch in puncto Hausarbeit. Aber mit Sicherheit teilen wir die Verantwortung hundertprozentig. Wir schätzen dieselben christlichen Werte und Ansichten in der Erziehung und versuchen, gute Beispiele abzugeben. In den Augen der Kinder sind wir stets einer Meinung. Und wir zeigen ihnen täglich, dass nichts umsonst ist im Leben, sondern das man sich alles verdienen muss. Das betone ich sehr, dieses Wort „ganar“ (verdienen). Manchmal sage ich zu Danna und Juliana: „Hattet ihr eine gute Woche, habt ihr euch angestrengt in der Schule? Nun, dann habt ihr es verdient, dass wir zum Essen ausgehen.“ Solche Zusammenhänge sind mir wichtig, eine Philosophie, die ich mit Yudy teile. Was die Finanzen angeht, habe ich etwas mehr Glück indem ich mehr Geld verdiene und daher mehr zum Unterhalt beisteuern kann. Die Schulausbildung unserer beiden Töchter kostet uns pro Monat 1.400 US Dollar. Darin enthalten sind Schulgeld, Busfahrten und Mittagessen. Es ist viel Geld. Tatsächlich geben wir den Großteil unserer Einkommen für Bildung aus, denn wir sind fest davon überzeugt, dass sie neben der Familie die beste Grundlage fürs Leben ist.

 

Südamerikanischer Macho? Nein, danke.

Selbstverständlich teile ich nicht nur die Verantwortung mit meiner Frau, sondern packe auch im Haushalt mit an. Am Wochenende, wenn die Tante nicht da ist, mache ich das Frühstück. Es ist nicht unbedingt meine Leidenschaft, Geschirr wegzuräumen, aber es ist auch nicht schlimm. Am Wochenende kocht oft meine Frau und ich putze nebenher oder räume auf. Das macht mir gar nichts aus, im Gegenteil empfinde ich solche Tätigkeiten sogar als entspannend. Dabei kann ich in Ruhe nachdenken, es ist beinahe therapeutisch. Der “Machismo” ist in Kolumbien allerdings noch weit verbreitet. Gerne wäre ich diesbezüglich auch im Privatleben ein Vorbild für andere. Kürzlich verbrachten wir ein Wochenende mit unseren mexikanischen Nachbarn, der Vater arbeitet als “Expat” in einer Großbäckerei hier in Bogota. Seine Frau nennt ihn einen echten Macho. Haushalt ist für ihn Frauensache, er spült kein Geschirr, putzt nicht und rührt auch sonst keinen Finger daheim. Nach dem gemeinsamen Wochenende gab ich ihr Recht.

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Papa in Kolumbien: „bei uns zu Hause gibt es selten Klagen oder Beschwerden“ (Teil 4)

Meine Frau Yudy und ich stammen beide aus ärmlichen Verhältnissen, litten als Kinder unter Gewalt und Vertreibung. Dennoch bin ich stolz auf unsere Herkunft. Bis heute sind meine Eltern Vorbilder für mich. Sie waren so hellsichtig, ihre Heimat zu verlassen und einen Neuanfang zu wagen. Wie sie wollte ich immer schon hart arbeiten, um etwas aus meinem Leben zu machen. Mein Vater rauchte und trank nicht. Er lebte vor, was es bedeutet, eine Familie zu haben und einen Wertekodex. Völlig egal in welcher materiellen Situation du lebst: Was zählt sind menschliche Werte und ein enger Familienzusammenhalt. Wir hatten keine materiellen Reichtümer, aber jede Menge Liebe. Ich hatte einen guten Vater und will selbst ein guter Vater sein.

 

Inzwischen gehen unsere Töchter tagsüber zur Schule. Der Unterricht dauert von 7:30 bis 14:30, ein Schulbus holt sie morgens bereits eine Stunde vorher ab und bringt sie gegen 15:30 wieder zurück. Das öffentliche Schulsystem in Kolumbien ist leider mangelhaft. 40 bis 50 Schüler sitzen in einer Klasse und die Lehrer sind mehr damit beschäftigt, die Kinder im Griff zu haben als ihnen Wissen zu vermitteln. Unglücklicherweise ist der soziale Zusammenhalt brüchiger geworden. Drogen, Gewalt und Mobbing verschlechtern das Klima an den Schulen. Daher schicken Yudy und ich unsere Töchter auf eine Privatschule. Mit 15 bis 20 Kindern sind die Klassen klein. Doch in erster Linie sind die Mädchen dort in Sicherheit. Auch wenn sie dadurch keine normalen Durchschnittskinder sind: Wir wollen uns das leisten und haben diese Entscheidung sehr bewusst getroffen. Unsere Töchter sollen es besser haben als wir früher, dafür haben wir hart gekämpft. Manchmal erzählen wir Danna und Juliana aus unserer Kindheit. Nicht, um ihnen ein schlechtes Gewissen zu machen, sondern damit sie einschätzen können, wie gut es ihnen geht. Als sie kleiner waren haben sie sich allerdings manchmal gewünscht, dass Mama und Papa mehr Zeit mit ihnen verbringen. Aber bei uns zu Hause gibt es selten Klagen oder Beschwerden. Vermutlich weil die Kinder wissen, in welcher Kultur wir leben und dass wir Verantwortung tragen für unsere Gesellschaft.

 

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Papa in Kolumbien: „Wenn ich mir Zeit für meine Kinder nehme, tue ich mir selbst einen Gefallen“ (Teil 3)

Alveiro erzählt:

Meinen Tagesablauf versuche ich stets so einzurichten, dass ich möglichst viel Zeit mit meinen Kindern verbringe. Damit tun sich Eltern selbst einen Gefallen, denn das macht so viel Spaß! Es ist wunderbar, das Leben seiner Kinder zu teilen, sie aufwachsen zu sehen, neue Wörter, neue Verhaltensformen und Ideen, neue Sätze und Ausdrücke, Lieder, Reime zu erleben. Wenn sie dir sagen “Papa ich liebe dich”, dir um den Hals fallen und dich ganz fest drücken – was gibt es Schöneres? Wenn ich anderen Vätern einen Rat geben könnte, wäre es der: „Denk daran, dass die Familie das Wichtigste im Leben ist. Einen Job wirst du immer haben oder wieder finden, aber auf eine neue Familie kannst du dich nicht bewerben”. Ob wir es wollen oder nicht, wir sind Vorbilder für unsere Kinder. Wenn wir als Eltern keine Zeit für sie haben, werden sie uns als Erwachsene kaum besuchen kommen – sie kennen es ja nicht anders und werden ebenfalls keine Zeit haben. Zeit ist etwas, das man sich nehmen muss und gut einteilen sollte.

 

Wie gut oder schlecht Eltern Familie und Beruf vereinbaren können, hängt allerdings weniger von den einzelnen Eltern als vielmehr von der Gesellschaft ab. Sicher kann und sollte man versuchen, seine Zeit besser zu organisieren. Doch wenn die Arbeitsstätte weit entfernt liegt, hilft das ganze Organisieren nicht. Wir brauchen vielmehr ein System, in dem die Menschen zum einen weniger Arbeitsstunden ableisten müssen und zum anderen brauchen wir kürzere Wege.

 

Vor einigen Jahren besuchte ich Schweden. Die Eltern dort schienen ihre Kinder in der Nähe ihrer Arbeitsstätte zur Betreuung unterzubringen. Sie verließen morgens gemeinsam das Haus und setzten die Kinder unterwegs am Kindergarten oder in der Schule ab. Das erschien mir sehr praktisch, Schulen in der Nähe der Arbeitsstätte der Eltern zu haben. Überhaupt hat mich das schwedische Modell sehr beeindruckt, es ist so modern und durchdacht.

 

Echte Partnerschaft

Meine Frau Yudy, Psychologin in leitender Funktion, entschloss sich nebenher noch einen Master zu absolvieren, als unsere Kinder gerade vier und sechs waren. Die Fortbildung war ihr wichtig und ich habe sie dazu ermutigt, indem ich zum Beispiel die Unterlagen bei der Universität besorgte und ihr gut zuredete, den Schritt zu wagen. Sie hatte Zweifel im Vorfeld: „Was ist mit unseren Töchtern, kommen sie nicht zu kurz, ich habe so schon zu wenig Zeit für sie?“. “Es sind ja nur zwei Jahre“, beschwichtigte ich, „und ich bin ja da, um mich mehr um sie zu kümmern. Wir kriegen das schon hin!“ Sicherlich war es eine gewisse Belastung für uns als Familie, doch ich übernahm in der Zeit den Großteil der elterlichen Aufgaben, blieb mehr zu Hause und arbeitete auch möglichst viel im Homeoffice.

Es ist gut und wichtig, dem Partner Raum zur Weiterentwicklung zu geben. Das macht doch eine gute Partnerschaft aus: Gemeinsam zu wachsen und sich gegenseitig den Rücken frei zu halten. Ich weiß auch, das wir keine durchschnittliche Familie sind. Zumindest wimmelt es in Bogota nicht gerade von verheirateten Paaren mit kleinen Kindern, die neben ihrer Arbeit studieren oder Geschäftsreisen absolvieren. Es geht bei uns, weil wir uns absprechen und weil wir die Tante haben. Es gibt auch Momente, in denen sich die beiden Frauen in die Haare bekommen, aber wir dürfen uns glücklich schätzen, dass die Tante bei uns ist.

 

Ihr habt die ersten Teile von Alveiros Geschichte verpasst? Einfach hier nachlesen:

Teil 1 „Auf eine neue Familie kannst du dich nicht bewerben“

Teil 2 „Menschlichkeit ist wie ein Samen“

 

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Papa in Kolumbien: “Menschlichkeit ist wie ein Samen” (Teil 2)

Aus dem Leben eines engagierten Papas – hier folgt der zweite Teil von Alveiros Geschichte. Bis Weihnachten gibt es wöchentlich ein neues Kapitel mit Einblicken in sein Leben, beruflich und privat. Über euer Interesse und eure Kommentare freue ich mich und wünsche euch eine spannende Lektüre.

Kolumbien ist eine Kultur, in der wir unsere Zeit zwischen Familie und Arbeit aufteilen müssen. Dabei kommt die Familie in der Regel zu kurz, denn die durchschnittliche Arbeitszeit beträgt 48 Stunden pro Woche. Teilzeitstellen gibt es kaum, der Verdienst würde schlichtweg nicht ausreichen, um über die Runden zu kommen. Vor allem in den Städten kommt zur eigentlichen Arbeit eine An- und Abreise von oft über einer Stunde hinzu. Es ist also nicht ungewöhnlich, wenn wir 12 Stunden am Tag außer Haus sind, um zu arbeiten. Viele Kolumbianer sehen ihre Kinder daher kaum. Sie verlassen das Haus, wenn diese noch schlafen und kehren erst spät wieder heim, vor allem wenn sie abends eine Fortbildung besuchen.

Zum Glück sind da häufig Großeltern, die sich um die Kinder kümmern. Der familiäre Zusammenhalt in Kolumbien ist stark und erleichtert es, Kinder groß zu ziehen. Bei uns im Haus lebt die alleinstehende Tante meiner Frau, seit unsere erste Tochter zur Welt kam – ein wahrer Segen. Auch meine Frau arbeitet schließlich 48 Stunden die Woche. Wenn Termine anstehen, wie zum Beispiel ein Elternabend, sprechen wir uns rechtzeitig ab, um diese wahrnehmen zu können. Auch meine Geschäftsreisen lege ich mit Rücksicht auf meine Familie. Zwar habe ich einen verantwortungsvollen Posten, doch die Familie steht stets an erster Stelle. Es ist schon vorgekommen, dass ich eine geplante Geschäftsreise abgesagt habe, weil ich zu Hause gebraucht wurde.

 

Gewalt im Alltag

Wir Kolumbianer müssen friedlichere Menschen werden. Bewaffnete Konflikte, Drogenhandel, Gewalt auf der Straße und in den Familien behindern seit Jahrzehnten die Entwicklung einer friedfertigen Gesellschaft. Millionen meiner Landsleute haben im Lauf der Jahre ihre Heimatregionen verlassen. Sie stranden als Vertriebene am Rand der überfüllten Städte, in der verzweifelten Hoffnung auf ein besseres Leben. So ging es auch meiner Frau und mir, als wir noch Kinder waren und mit unseren Familien fliehen mussten.

Schon als Kind wollte ich etwas erreichen und habe mir stets Ziele gesetzt. Heute leite ich eine Organisation, die psychologische und materielle Unterstützung leisten kann. Mit der YMCA (zu deutsch: CVJM, Christlicher Verein Junger Menschen) helfen wir vertriebenen Kindern und Jugendlichen beim Ankommen, versuchen ihnen Selbstbewusstsein zu vermitteln und eine Perspektive. Wir wollen sie stärken und ihnen die Augen öffnen für bessere Alternativen, als die, sich einer bewaffneten Gruppierung anzuschließen. Nur so lässt sich die Spirale von Armut und Gewalt ausbremsen. Weißt du, Menschlichkeit ist wie ein Samen, es braucht nicht viel um ihn zu pflanzen, aber er kann großartige Früchte tragen.

Unsere Probleme sind zu groß, als dass eine Regierung sie lösen könnte. Daher bringt es nichts, die Verantwortung allein dem Staat zuzuschieben. Jeder einzelne kann in seinem Umfeld hinschauen, den Mund aufmachen, ein Mentor sein. Schließlich sehnt sich der Großteil der Kolumbianer nach Frieden. Weniger potentielle Akteure heranzuziehen ist unsere einzige Chance, diese Sehnsucht zu erfüllen. Denn Schuld am kolumbianischen Konflikt sind in erster Linie nicht die Waffen, sondern die Menschen.

 

 

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