Schlagwort-Archive: Leben mit Kindern

Papa in Kolumbien: Rituale tun richtig gut (Teil 11)

Alveiro aus Kolumbien erzählt:

Ich bin immer ein sehr positiver, enthusiastischer Mann gewesen. Als ich jung war, konnte ich spirituelle Dinge weniger schätzen. Jetzt wo ich Kinder habe und älter bin, reflektiere ich mehr. Meinen Kindern und Mitmenschen möchte ich vermitteln: „Um dich herum gibt es viele, die leiden, denen es schlechter geht als dir. Halte dir das vor Augen und schätze, was dir zuteilwurde“. Nach dem Aufwachen und vor dem Schlafengehen bete ich zu Gott und danke ihm. Als Familie sind uns Rituale sehr wichtig. Am letzten Samstag jeden Monats feiern wir zu Hause einen “Talentabend”. Unsere Töchter lassen sich jedes Mal eine Überraschung für uns einfallen: Sie proben ein Lied oder einen Tanz, denken sich ein kleines Thaterstück aus. Als wir kürzlich das betreffende Wochenende mit Freunden verbrachten, schienen die ganz schön erstaunt, was unsere kleinen Mädchen auf die Beine stellten. Obwohl wir gar nicht zu Hause waren fragten Danna und Juliana gegen Abend: “Ist es Zeit für unseren Auftritt?”. Im Garten des Ferienhauses schufen sie eine Bühne, die sie mit Luftballons dekorierten. Sie verkleideten sich und gingen völlig auf in ihrer Darbietung.

 

Rituale sind ein schöner Weg, die Perspektive zu wechseln und der Kreativität freien Lauf zu lassen. Es gibt so viele Möglichkeiten, seinen Kindern zu signalisieren: “Ich liebe euch, ich bin für euch da”. Man braucht ihnen nicht unbedingt etwas zu kaufen. Viel eher ermutige ich sie, selbst etwas zu machen. Erziehung heißt für mich, mit den Kindern zu reden, eine Atmosphäre zu schaffen in der sie sich wohl fühlen, etwas beitragen können, gehört werden, Erlebnisse teilen können. Auch im Umgang mit anderen Menschen halte ich diese Werte hoch. Es ist der beste Weg zu einem friedlichen Miteinander, zu einem friedlicheren Kolumbien.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Familienfreundlich?!, Leben mit Kindern

Papa in Kolumbien: „Wenn ich mir Zeit für meine Kinder nehme, tue ich mir selbst einen Gefallen“ (Teil 3)

Alveiro erzählt:

Meinen Tagesablauf versuche ich stets so einzurichten, dass ich möglichst viel Zeit mit meinen Kindern verbringe. Damit tun sich Eltern selbst einen Gefallen, denn das macht so viel Spaß! Es ist wunderbar, das Leben seiner Kinder zu teilen, sie aufwachsen zu sehen, neue Wörter, neue Verhaltensformen und Ideen, neue Sätze und Ausdrücke, Lieder, Reime zu erleben. Wenn sie dir sagen “Papa ich liebe dich”, dir um den Hals fallen und dich ganz fest drücken – was gibt es Schöneres? Wenn ich anderen Vätern einen Rat geben könnte, wäre es der: „Denk daran, dass die Familie das Wichtigste im Leben ist. Einen Job wirst du immer haben oder wieder finden, aber auf eine neue Familie kannst du dich nicht bewerben”. Ob wir es wollen oder nicht, wir sind Vorbilder für unsere Kinder. Wenn wir als Eltern keine Zeit für sie haben, werden sie uns als Erwachsene kaum besuchen kommen – sie kennen es ja nicht anders und werden ebenfalls keine Zeit haben. Zeit ist etwas, das man sich nehmen muss und gut einteilen sollte.

 

Wie gut oder schlecht Eltern Familie und Beruf vereinbaren können, hängt allerdings weniger von den einzelnen Eltern als vielmehr von der Gesellschaft ab. Sicher kann und sollte man versuchen, seine Zeit besser zu organisieren. Doch wenn die Arbeitsstätte weit entfernt liegt, hilft das ganze Organisieren nicht. Wir brauchen vielmehr ein System, in dem die Menschen zum einen weniger Arbeitsstunden ableisten müssen und zum anderen brauchen wir kürzere Wege.

 

Vor einigen Jahren besuchte ich Schweden. Die Eltern dort schienen ihre Kinder in der Nähe ihrer Arbeitsstätte zur Betreuung unterzubringen. Sie verließen morgens gemeinsam das Haus und setzten die Kinder unterwegs am Kindergarten oder in der Schule ab. Das erschien mir sehr praktisch, Schulen in der Nähe der Arbeitsstätte der Eltern zu haben. Überhaupt hat mich das schwedische Modell sehr beeindruckt, es ist so modern und durchdacht.

 

Echte Partnerschaft

Meine Frau Yudy, Psychologin in leitender Funktion, entschloss sich nebenher noch einen Master zu absolvieren, als unsere Kinder gerade vier und sechs waren. Die Fortbildung war ihr wichtig und ich habe sie dazu ermutigt, indem ich zum Beispiel die Unterlagen bei der Universität besorgte und ihr gut zuredete, den Schritt zu wagen. Sie hatte Zweifel im Vorfeld: „Was ist mit unseren Töchtern, kommen sie nicht zu kurz, ich habe so schon zu wenig Zeit für sie?“. “Es sind ja nur zwei Jahre“, beschwichtigte ich, „und ich bin ja da, um mich mehr um sie zu kümmern. Wir kriegen das schon hin!“ Sicherlich war es eine gewisse Belastung für uns als Familie, doch ich übernahm in der Zeit den Großteil der elterlichen Aufgaben, blieb mehr zu Hause und arbeitete auch möglichst viel im Homeoffice.

Es ist gut und wichtig, dem Partner Raum zur Weiterentwicklung zu geben. Das macht doch eine gute Partnerschaft aus: Gemeinsam zu wachsen und sich gegenseitig den Rücken frei zu halten. Ich weiß auch, das wir keine durchschnittliche Familie sind. Zumindest wimmelt es in Bogota nicht gerade von verheirateten Paaren mit kleinen Kindern, die neben ihrer Arbeit studieren oder Geschäftsreisen absolvieren. Es geht bei uns, weil wir uns absprechen und weil wir die Tante haben. Es gibt auch Momente, in denen sich die beiden Frauen in die Haare bekommen, aber wir dürfen uns glücklich schätzen, dass die Tante bei uns ist.

 

Ihr habt die ersten Teile von Alveiros Geschichte verpasst? Einfach hier nachlesen:

Teil 1 „Auf eine neue Familie kannst du dich nicht bewerben“

Teil 2 „Menschlichkeit ist wie ein Samen“

 

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Familienfreundlich?!, Leben mit Kindern, Mama international, Reisen

Papa in Kolumbien: “Menschlichkeit ist wie ein Samen” (Teil 2)

Aus dem Leben eines engagierten Papas – hier folgt der zweite Teil von Alveiros Geschichte. Bis Weihnachten gibt es wöchentlich ein neues Kapitel mit Einblicken in sein Leben, beruflich und privat. Über euer Interesse und eure Kommentare freue ich mich und wünsche euch eine spannende Lektüre.

Kolumbien ist eine Kultur, in der wir unsere Zeit zwischen Familie und Arbeit aufteilen müssen. Dabei kommt die Familie in der Regel zu kurz, denn die durchschnittliche Arbeitszeit beträgt 48 Stunden pro Woche. Teilzeitstellen gibt es kaum, der Verdienst würde schlichtweg nicht ausreichen, um über die Runden zu kommen. Vor allem in den Städten kommt zur eigentlichen Arbeit eine An- und Abreise von oft über einer Stunde hinzu. Es ist also nicht ungewöhnlich, wenn wir 12 Stunden am Tag außer Haus sind, um zu arbeiten. Viele Kolumbianer sehen ihre Kinder daher kaum. Sie verlassen das Haus, wenn diese noch schlafen und kehren erst spät wieder heim, vor allem wenn sie abends eine Fortbildung besuchen.

Zum Glück sind da häufig Großeltern, die sich um die Kinder kümmern. Der familiäre Zusammenhalt in Kolumbien ist stark und erleichtert es, Kinder groß zu ziehen. Bei uns im Haus lebt die alleinstehende Tante meiner Frau, seit unsere erste Tochter zur Welt kam – ein wahrer Segen. Auch meine Frau arbeitet schließlich 48 Stunden die Woche. Wenn Termine anstehen, wie zum Beispiel ein Elternabend, sprechen wir uns rechtzeitig ab, um diese wahrnehmen zu können. Auch meine Geschäftsreisen lege ich mit Rücksicht auf meine Familie. Zwar habe ich einen verantwortungsvollen Posten, doch die Familie steht stets an erster Stelle. Es ist schon vorgekommen, dass ich eine geplante Geschäftsreise abgesagt habe, weil ich zu Hause gebraucht wurde.

 

Gewalt im Alltag

Wir Kolumbianer müssen friedlichere Menschen werden. Bewaffnete Konflikte, Drogenhandel, Gewalt auf der Straße und in den Familien behindern seit Jahrzehnten die Entwicklung einer friedfertigen Gesellschaft. Millionen meiner Landsleute haben im Lauf der Jahre ihre Heimatregionen verlassen. Sie stranden als Vertriebene am Rand der überfüllten Städte, in der verzweifelten Hoffnung auf ein besseres Leben. So ging es auch meiner Frau und mir, als wir noch Kinder waren und mit unseren Familien fliehen mussten.

Schon als Kind wollte ich etwas erreichen und habe mir stets Ziele gesetzt. Heute leite ich eine Organisation, die psychologische und materielle Unterstützung leisten kann. Mit der YMCA (zu deutsch: CVJM, Christlicher Verein Junger Menschen) helfen wir vertriebenen Kindern und Jugendlichen beim Ankommen, versuchen ihnen Selbstbewusstsein zu vermitteln und eine Perspektive. Wir wollen sie stärken und ihnen die Augen öffnen für bessere Alternativen, als die, sich einer bewaffneten Gruppierung anzuschließen. Nur so lässt sich die Spirale von Armut und Gewalt ausbremsen. Weißt du, Menschlichkeit ist wie ein Samen, es braucht nicht viel um ihn zu pflanzen, aber er kann großartige Früchte tragen.

Unsere Probleme sind zu groß, als dass eine Regierung sie lösen könnte. Daher bringt es nichts, die Verantwortung allein dem Staat zuzuschieben. Jeder einzelne kann in seinem Umfeld hinschauen, den Mund aufmachen, ein Mentor sein. Schließlich sehnt sich der Großteil der Kolumbianer nach Frieden. Weniger potentielle Akteure heranzuziehen ist unsere einzige Chance, diese Sehnsucht zu erfüllen. Denn Schuld am kolumbianischen Konflikt sind in erster Linie nicht die Waffen, sondern die Menschen.

 

 

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Familienfreundlich?!, Leben mit Kindern, Mama international, Politik, Reisen

Papa in Kolumbien: „Auf eine neue Familie kannst du dich nicht bewerben“ (Teil 1)

Vergangenen Donnerstag war ich zu Gast auf Schloss Falkenberg für eine Lesung. Statt dem einen Quotenmann waren quasi 10 Männer anwesend  (darunter allerdings auch mein eigener Mann sowie unsere beiden Söhne). Dennoch: Rekord! Für mich auf jeden Fall ein Anlass, Papas ins Rampenlicht von mum02 zu rücken. Zuletzt habe ich Andi aus Schweden hier vorgestellt, das ist schon eine Weile her. Zum Thema „working dads international“ möchte ich euch Alveiro aus Kolumbien vorstellen. Ihn habe ich über sein Leben als engagierter Papa mehrfach interviewt. Entstanden ist ein ausführliches Kapitel über das Familien- und Arbeitsleben in einem Land, das ganz andere Regeln folgt als unseres.

Acht Wochen vor Weihnachten fällt mir dazu ein, eine Fortsetzungsgeschichte daraus zu machen, eine andere Art Adventskalender, verpackt in wohlbekömmliche Päckchen. Claro que sí!

Alveiro mit seiner Familie

Alveiro mit seiner Familie

Steckbrief Kolumbien.

Einwohner: 46 Millionen

Fläche: 1,141 Mio. km2
Hauptstadt: Bogotá; ca. 7,3 Mio. Einwohner

Regelarbeitszeit: 48 Stunden pro Woche

Finanzielle Unterstützung für Familien / Mutterschutz und Elterngeld: Drei Monate Mutterschutz, beginnt eine Woche vor dem Geburtstermin. Väter bekommen nach der Geburt fünf Tage frei. Die Kinderbetreuung wird meist privat geregelt.

Zahlenquelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Kolumbien

 

Sie ziehen sich wie eine Perlenkette durch Alveiros 50-jähriges Leben: Menschen, die an ihn geglaubt und ihn unterstützt haben. Hart zu arbeiten und für andere da zu sein ist für den Landesvorsitzender des kolumbianischen YMCA essentiell. Längst ist aus ihm selbst eine Perle geworden, ein Mentor, der es sich zum Beruf gemacht hat, Menschen weiter zu helfen. Oberste Priorität in seinem Leben haben seine Töchter (8 und 10 Jahre) – wenn sie ihn brauchen, sagt er schon mal eine Geschäftsreise ab.

„Meine Frau und ich sind seit 11 Jahren ein Paar. Wir haben zwei Töchter. Danna Sophia ist zehn geworden, Juliana acht Jahre alt. Wir stehen uns sehr nahe, reden unglaublich viel. Jeden Abend erzählen sie mir von ihrem Tag und fragen nach, was ich erlebt habe. Ich liebe meine Arbeit und früher bin ich auch liebend gerne gereist. Doch seit wir Kinder haben, sind die vielen Reisen das Schlimmste für mich. Denn dann vermisse ich meine Kinder so sehr. Zum Glück verstehen die Mädchen, dass die vielen Geschäftsreisen Teil meines Jobs sind, schließlich sind sie damit aufgewachsen. Oft helfen sie mir beim Packen. Indem ich sie involviere, erleichtere ich uns die Trennung. Umso älter sie werden, umso mehr Zeit wollen sie mit mir verbringen. Sie haben so viele Fragen. Wenn ich zwei, drei Tage weg bin, beginnen sie mich zu vermissen, sie schreiben mir E-Mails und liebe Nachrichten. Nächste Woche ist es wieder soweit: Eine kleine CVJM-Delegation aus Deutschland hat sich angekündigt und ich werde mit ihnen durchs Land reisen. Komme ich an normalen Tagen abends nach Hause, werde ich verwöhnt. Danna und Juliana massieren mich, kratzen mir den Rücken, kämmen mir die Haare. Oft höre ich: „Papa, ich liebe dich!“ Sie haben wirklich keinerlei Hemmungen, ihre Gefühle zu zeigen. Das macht mich sehr glücklich, denn ich habe uns als Familie immer dazu ermutigt. Es ist wichtig, Gefühle in Worte fassen zu können. Doch die meisten Menschen haben das nie gelernt.“

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Familienfreundlich?!, Leben mit Kindern, Mama international, Politik, Reisen

Was ist denn bitte der Sinn des Lebens? Teil 3

Geld und Glück

Ich brauche keine Yacht - da miete ich mir lieber ein Tretboot und gehe Schwimmen

Ich brauche keine Yacht – da miete ich mir lieber ein Tretboot und gehe schwimmen

„Ich brauche keine Yacht, ich gehe lieber schwimmen“ sagt Formel-1-Rekordpilot Sebastian Vettel. Eine Aussage, der den Rekord-Rennfahrer sympathisch macht. Und eine, die ich absolut nachvollziehen kann. Doch ein paar andere Dinge gäbe es schon, die ich mir mit Geld kaufen würde. Zeit, eine Weltreise, ein besonders umweltfreundliches Auto,….

Was meint ihr, kann Geld glücklich machen? Darüber streiten auch viele Forscher. Klar ist: Grundlegende Bedürfnisse sollten erfüllt sein, damit das Glück eine gute Basis hat. Doch macht mehr Geld uns mehr glücklich? Wenn ich an Dagobert Duck denke, tut es das ganz bestimmt nicht. Es kommt also darauf an. Wie unser Leben jenseits des Bankkontos aussieht, ist wichtiger. Gesundheit beispielsweise kann auch sehr viel Geld nicht kaufen. Eine Familie, echte Freunde: Unbezahlbar.

Im aktuellen GEO Wissenheft „Was gibt dem Leben Sinn“ behauptet das Autorenteam Marlene Weiss und Claus Peter Simon, dass Geld doch glücklich macht. Es käme allerdings darauf an, wie man es einsetzt. Nämlich nicht nur für sich selbst. Untersuchungen zeigen: Wenn wir andere beschenken, fühlen wir uns gut. Ähnliches trifft für Spender zu – ob sie nun Blut spenden oder Geld. Und wenn wir unser Geld lieber für uns selbst ausgeben? Auch dafür haben die genannten Autoren Tipps parat, die ich euch nicht vorenthalten möchte:

 

  1. Kauf dir Zeit und Freiheit: zieh näher an deine Arbeitsstelle oder lass unliebsame Tätigkeiten von Dritten übernehmen.
  2. Bezahl lieber gleich statt hinterher: Die Couch, das Auto oder die Reise machen mehr Spaß, wenn wir sie sofort bezahlen.
  3. Weniger ist mehr: Gönn dir lieber hin und wieder etwas Besonderes, anstatt dir möglichst jeden Wunsch sofort zu erfüllen.
  4. Investier in dich: Teure Geräte sind schnell veraltet, Erlebnisse bleiben dir bis an dein Lebensende. Also lieber die große Reise als das neue Flatscreen-TV.

 

Ich möchte noch einen 5. Tipp hinzufügen, der die gerade genannten aus meiner Sicht zusammenfasst: Hör auf dein Herz und auf deinen gesunden Menschenverstand.

 

Wenn ihr mehr über das Thema „Sinn“ erfahren möchtet und vielleicht noch eine Urlaubslektüre braucht: Das GEO Wissen Heft Nr. 53 zum Thema „Was gibt dem Leben Sinn“ bekommt ihr im Zeitschriftenhandel (Preis in Deutschland: 9,50 Euro).

 

 

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Familienfreundlich?!, Frau und Job, Leben mit Kindern

Solch einen Lehrer hätte ich mir auch gewünscht

Gelesen: „Davids Liste – Was bleibt, wenn ich gehe“ von David Menasche

DavidsListe

Wir leben, als wäre unser Leben unendlich

„Wie wir leben, liegt ganz an uns. Ich hatte einen Vorteil gegenüber vielen anderen Leuten: Ich glaubte inzwischen wirklich, dass ich sterben würde.“ Das hatten ihm die Ärzte gesagt. Sechs Jahre leben mit dieser Art Gehirntumor, „das war ein echter Glücksfall“. David begriff, dass er sterben würde, wogegen „die meisten Leute denken irgendwie, der Tod betrifft sie nicht. Sie leben, als wäre ihr Leben unendlich.“ (Die Zitate stehen im Buch auf S. 111/112)

 

Prioritäten setzen

Der ehemalige Skateboard-Punk und leidenschaftliche Lehrer David Menasche baute ein Leitmotiv in seinen Unterricht ein: die Prioritätenliste. Seine Schüler bekamen von ihm in regelmäßigen Abständen die Aufgabe, für sie lebenswerte Begriffe aufzuschreiben in der Reihenfolge ihrer Bedeutung. Eine Liste könnte so aussehen:

 

Abenteuer

Privatsphäre

Respekt

Unabhängigkeit

Freundschaft

Liebe

Familie

 

Solche Prioritätenlisten scheinen in den USA nicht ungewöhnlich zu sein. Bei uns sind sie meines Wissens höchstens als Zeitmanagementinstrument bekannt, aber nicht als Lebenshilfe. Durch die Listen bringt Menasche seine Schüler dazu, über sich selbst nachzudenken und darüber, was für sie im Leben gerade wirklich zählt. „In der Highschool gab es so viele Erwachsene, die uns unter Druck setzten (…), die uns sagten, worauf wir uns konzentrieren sollten und worauf nicht: Freunde, Noten, Geld, Beliebtheit. (…) Nur wenige Erwachsene zeigten uns die Möglichkeit, vorn anzufangen, in uns selbst, und unsere eigenen Prioritäten zu setzen. Die Liste zwang uns dazu, uns selbst anzuschauen und uns zu fragen, worauf wir tatsächlich Wert legten. Aber sie tat es auf eine Weise, die uns keine Angst machte und keinen Druck ausübte. Sie half uns, uns selbst kennenzulernen, damit wir entscheiden konnten, was für eine Art von Erwachsenen wir werden wollten„, erzählt Menasches ehemalige Schülerin Melissa Rey auf Seite 73.

 

Schicksalsschlag und Couchsurfing

Das Buch „Davids Liste“ ist eine Autobiographie mit Ratgebercharakter und als solches durchaus lesenswert. Auch wenn er vor allem erzählt, was wir eigentlich wissen, aber ungern hören und noch weniger beherzigen: Unser Leben ist endlich und es liegt an uns, was wir damit anfangen.

David Menasche, Lehrer aus Miami, hat dieses Buch als Vermächtnis geschrieben, nachdem er an einem unheilbaren Hirntumor erkrankt und ihm die Ärzte sagten, er hätte nur noch wenige Monate zu leben (vermutlich steht das Leben ganz oben auf seiner Prioritätenliste, jedenfalls ist er laut seiner Facebookseite alles andere als tot). Am Unterrichten hält er lange fest, rennt zwischendurch aufs Klo um zu kotzen und steht gleich darauf wieder vor der Klasse, als sei nichts gewesen. Irgendwann ist er tatsächlich zu schwach zum Unterrichten. Da kommt ihm die Idee zu einer Reise, auf der er möglichst viele seiner früheren Schüler wiedersehen will.

Via Facebook startet er einen Aufruf , viele melden sich und laden ihn zu sich ein. So macht David Menasche sich per Anhalter und Zug auf. Er fährt quer durch die USA und übernachtet als „Couchsurfer“ bei ehemaligen Schülerinnen und Schülern. Schwerkrank und beinahe erblindet, ist er dabei immer wieder auf die Hilfe fremder Menschen angewiesen. In New York City bewahrt ihn  Sarah Jessica Parker zufällig davor, von einem Taxi überrollt zu werden. Sicherheitshalber begleitet sie ihn zwei Blocks weiter zu einer Bar, in der er sich mit seinem Ex-Schüler Sergio treffen will. Der klärt David erst mal auf, wer da gerade Fremdenführerin für ihn gespielt hat.

 

Was bleibt von mir?

Menasche will herausfinden, ob er und seine Liste nachhaltigen Eindruck auf seine Schülerinnen und Schüler gemacht haben, wie und ob er ihren Lebensweg geprägt hat. Dass er sein Ziel erreicht hat, belegen die vielen Briefe und Kommentare ehemaliger Schüler, mit denen das Buch gespickt ist. Für David Menasche wird die Reise zur Bestätigung. Gleichzeitig findet er einen besseren Zugang zu sich selbst. Auf seiner persönlichen Prioritätenliste stand die Hingabe an seine Schüler immer ganz oben. „…seit meiner Reise habe ich begriffen, dass ich bei ihnen (den Schülern) auch Priorität habe “ sagt Menasche am Ende des Buchs.

 

Was geben wir unseren Kindern mit?

Einen Lehrer wie David Menasche zu haben, ist sicherlich ein Glücksfall. Ich konnte mir meine Lehrer in der Schule nicht aussuchen, meine Kinder können es ebenso wenig. Doch als Eltern sind wir von Anfang an die Lehrer unserer Kinder. Ich mag keine Erziehungsratgeber, aber ich glaube fest daran: „Du kannst deine Kinder nicht erziehen. Sie machen dir sowieso alles nach.“ Und was hören sie von mir viel zu oft? „Keine Zeit“, „Lass das“, „trödel nicht so rum“. Sind das etwa meine Prioritäten? Und wenn ich mir endlich die Zeit nehme, mit ihnen zu spielen, ein Buch zu lesen oder zu musizieren, dann höre ich schon mal: „Keine Zeit Mama, ich will mit Leon spielen“. Diese Woche habe ich meinem jüngeren Sohn an zwei Tagen morgens noch eine Seite aus seinem heißgeliebten Tierbuch vorgelesen. Das dauerte gar nicht lang und war sehr nett. Als er mich fragte, ob ich Zeit hätte, sagte ich: „ich nehme mir Zeit für dich“. Prompt kam die Antwort: „Das finde ich gut Mama, dass du dir Zeit nimmst“. Ich will es viel öfter tun. Denn unterm Strich zählt genau das: Zeit mit den Menschen zu verbringen, die uns am Herzen liegen. Ihnen zuzuhören und sie darin zu bestärken, an ihren Träumen festzuhalten. Schließlich ist unser Leben voll unendlicher Möglichkeiten. Und es ist dennoch endlich, daran sollten wir ab und zu denken, wenn wir unsere Prioritäten setzen.

 

Buch-Info:

David Menasche: „Davids Liste. Was bleibt, wenn ich gehe“ ist 2014 erschienen im KNAUR Verlag, Reihe Menssana, ISBN 978-3-426-65738-6

 

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Leben mit Kindern

USA versus Germany: Warum ein Land ohne bezahlten Mutterschutz kinderfreundlicher

Autorinnentrio zu Gast in der US Embassy Berlin: Michaela Schonhöft, Maya Dähne, Peggy Wandel

Autorinnentrio zu Gast in der US Embassy Berlin: Michaela Schonhöft, Maya Dähne, Peggy Wandel

ist als das von „Mutti“

Diese Woche war ich mit Maya Dähne und Michaela Schonhöft eingeladen zu einer deutsch-amerikanischen Diskussionsrunde. Der ehrgeizige Titel der Veranstaltung lautete:

„Balancing Family and Career Amidst Demographic Change:

Culture, Public Policy, Gender Roles, and Economics—An International Comparison

With Michaela Schonhöft, Peggy Wandel, and Maya Dähne

Authors of the books Childhoods (Kindheiten), Between Career and Playgroup (Zwischen Karriere and Krabbelgruppe), and

Desperately Seeking Daycare (Deutschland sucht den Krippenplatz)“

Veranstalter war die Wirtschaftssektion der US-Botschaft in Berlin. Mit deutschen und US-amerikanischen Botschaftsangehörigen, Gästen aus Ministerien und der Presse sprachen wir über internationale Erfahrungen und deutsche sowie US-amerikanische Eigenheiten. Kleine Erkenntnis am Rande: Die US-Amerikaner, vor allem die anwesenden berufstätigen Mütter, halten es für ein freiheitliches Grundrecht, am Sonntag ihre Einkäufe erledigen zu können, während wir Deutschen den Ladenschluss am Sonntag mehrheitlich verteidigen als letzte „Bastion im Angesicht des totalen Kapitalismus“.

Die Hauptfrage jedoch war: Wie lassen sich Beruf und Familie für Mütter und Väter besser vereinbaren und warum scheint dies in Deutschland schwieriger als in den USA, trotz großzügiger staatlicher Unterstützung? Was deutsche Eltern hierzulande erhalten, macht die US-Amerikaner neidisch. Dennoch zählt Deutschland zu den Schlusslichtern auf der Geburtenstatistik. Blickt man in die USA, gibt es weder den bezahlten Mutterschutz (abgesehen von wenigen progressiven Staaten wie Kalifornien), noch Elterngeld, Kindergeld oder sonstige Anreize. Dafür gibt es: Kinder. Die sind zwar Privatsache, gehören zum Leben in den USA aber ganz einfach dazu und werden nicht als Störfaktor oder Problem wahrgenommen.

Maya Dähne schilderte den Kontrast aus eigener Erfahrung: Sie arbeitete jahrelang in Washington D.C., wo auch ihre beiden Kinder zur Welt kamen. Bei der Rückkehr nach Deutschland freute sie sich auf „das ultimate Paradies für Eltern und Kinder“ – auf all die staatlichen Vergünstigungen und das weiche soziale Kissen. Wenige Wochen später war sie jedoch eher frustriert – in den USA hatte man sie als Schwangere und Mutter behandelt wie die „Queen of hearts“, in Berlin stand sie nicht nur einmal bepackt mit Windelkarton, Kleinkind und Kinderwagen am U-Bahnschaft und niemand machte Anstalten, ihr die Treppe hinauf oder hinunter zu helfen. Die neuen Nachbarn beschwerten sich über die Ruhestörung und der Betreuungsdschungel entpuppte sich als Nahkampfzone.

Natürlich sind die USA objektiv alles andere als ein Paradies für Familien mit Kindern. Viele US-Bürger sind auf mehrere Jobs angewiesen, um ihre Familie zu ernähren und die Kosten für die Kinderbetreuung aufzubringen – leider auch in Deutschland keine Seltenheit mehr. In einer Rede an die Nation sprach Präsident Obama sich Ende Januar 2014 für eine bessere Vereinbarkeit und Bezahlung für Frauen aus: “ A woman deserves equal pay for equal work. (…) She deserves to have a baby without sacrificing her job. A mother deserves a day off for a sick child or sick parent without running into hardship – and you know what, a father does, too. It’s time to do away with workplace policies that belong in a  „Mad Men“ episode.  (…) Because I firmly believe when women succeed, America succeeds.“

Die Fernsehserie „Mad Men“, auf die Obama anspielt, handelt in den 1960er Jahren. Tatsächlich sind die tradierten Arbeitsbedingungen und Arbeitszeiten ein Hauptgrund, weshalb es mit der Vereinbarkeit hapert – in den USA wie in Deutschland. Daher kam immer wieder das „skandinavische Modell“ zur Sprache. Dort kann man ansatzweise eine neue Zeitkultur erleben. Ein früher Feierabend ist die Regel, Ingela aus Schweden erzählte mir zum Beispiel „Wer bei uns um 17 Uhr noch im Büro sitzt, wird schon mal vom Chef gefragt, ob zu Hause alles in Ordnung ist“. Ist ein Kind krank, bleiben Vater und Mutter abwechselnd zu Hause – ohne schlechtes Gewissen, denn die Familie hat Prioriät. Aus Deutschland kenne ich eher die Sprüche à la „Hast du heute einen halben Tag Urlaub?“ oder „Ich hätte nachmittags auch gerne frei“, wenn man das Büro schon gegen 16 Uhr  verlässt. Das skandinavische Konzept lässt sich sicher nicht komplett auf andere Länder übertragen, doch die zugrundeliegende Mentalität würde ich mir wünschen.

Es gibt hierzulande immer mehr Väter, die Zeit mit ihren Kindern einfordern und dafür beruflich kürzer treten (wollen). Zudem legen viele junge Absolventen und Absolventinnen schon beim Berufseinstieg mehr Wert auf Freizeit und eine gute Balance. Arbeit könnte dadurch einen neuen Stellenwert bekommen – indem wir arbeiten um zu leben anstatt zu leben um zu arbeiten. In Norwegen zum Beispiel gilt es als Faux-pas, ein Meeting nach 16 Uhr anzuberaumen – der Feierabend gehört der Familie oder Hobbys und wird eingehalten. Beim Smalltalk in Deutschland und in den USA fragen wir zuerst „Was machen Sie beruflich?“. Ein Norweger wird eher wissen wollen „Was hast du am Wochenende erlebt?“. Es wäre schön, wenn wir uns davon etwas abschauen könnten. Denn Kinderbetreuung von früh bis spät, damit zukünftig Mütter und Väter 37,5 h oder mehr pro Woche arbeiten können, das kann nicht die Lösung sein – auch wenn es angesichts des demographischen Wandels einleuchtend klingen mag.

 

 

2 Kommentare

Eingeordnet unter Familienfreundlich?!, Mama international, Politik

Lesetipp: Mütter – die letzte Fiktion unserer Zeit?

GEO-Wissen MÜTTER

Über die Feiertage fand ich Muse, mich durch die vor Weihnachten erschienene Ausgabe von GEO Wissen zu schmökern. Sie handelt von „der wohl wichtigsten Frau im Leben der meisten Menschen: der eigenen Mutter“.

gelesen und für interessant befunden: GEO-Heft "Mütter"

gelesen und für interessant befunden: GEO-Heft „Mütter“

Vom Ende der deutschen Mutter und dem Beginn der Mütter

Besonders spannend fand ich die Gesellschaftsreportage „Gesucht: die neue Mutter“ von Christoph Kucklick. Ausgehend vom Stereotyp „Mütter haben sanft und opferbereit zu sein“ widerlegt er systematisch die Mutterschaft als „letzte Fiktion unserer Zeit“. In dem er zeigt: Es gibt nicht DIE gute Mutter, es gibt unendlich viele Spielarten. Dabei treten auf: Eltern dank Leihmutterschaft; eine frischgebackene 64-jährige Mutter; eine SOS-Kinderdorf-Mutter; eine Familie mit acht Kindern, die seit dem vierten Kind manchen Bekannten als „asozial“ gilt (so geht es meiner Freundin mit vier Kindern ebenfalls); Karrierefrauen mit eingefrorenen Eizellen; Adoptiveltern; zwei Kinder in einer Wohngemeinschaft mit ihren Vätern und Müttern, einem lesbischen und einem schwulen Elternpaar, etc.

Kucklick entlarft – wie andere vor ihm – den gerade im Westen Deutschlands häufig anzutreffenden „Kult der totalen Mutterschaft“ als Erbstück des deutschen Kaiserreichs und des Nazionalsozialismus. Und er zeigt durch viele Beispiele aus dem In- und Ausland, das diese Form der Überforderung völlig unnötig ist. Es gibt ja dieses bekannte Sprichwort „Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind groß zu ziehen.“ Daran erinnert mich der Tenor des Artikels: Um die angestrebte Gelassenheit zu realisieren, könnten viele gestresste Mütter auf die Rolle als „Zentralgestirn“ im Leben ihrer Kinder verzichten zu Gunsten anderer Bezugspersonen: allen voran den Vätern, daneben andere Familienmitglieder, Tagesmütter, ErzieherierInnen usw.

Am Ende des Artikels findet sich eine wenig überraschende aber meist vernachlässigte Tatsache: „Mütter sind dann am glücklichsten, wenn sie das Leben führen können, das sie sich wünschen.“ Ein Plädoyer für die Vielfalt des Mütterlichen.

Mütter und ihre Kinder

Im Abschnitt „Mütter und ihre Kinder“ beleuchtet GEO Wissen zunächst in Worten und Bildern das Wunder des Lebens, das Rätsel der Schwangerschaft und um Ähnlichkeiten zwischen Eltern und Kindern. Außerdem geht das Heft Fragen nach wie „Typisch Junge, typisch Mädchen?“, „Ist Mutterliebe angeboren?“ (scheinbar nicht), „Wie entkommt Frau der Perfektionismus-Falle?“ und – wie kann das Thema in einem deutschen Heft zu diesem Thema fehlen – „Wann ist es Zeit für die Kita?“ (es kommt darauf an).

Fazit

Die Reportagen und Texte im Heft teilen sich in zwei Blickwinkel: „Mütter und ihre Kinder“ und „Kinder und ihre Mütter“. Dazu gibt es jeweils zwei Tests, der erstere verspricht Aufschluss über die Beziehung zur eigenen Mutter, der zweite will die leidige Frage „bin ich eine gute Mutter?“ beantworten. Solche Psycho-Tests für den Hausgebrauch sind Geschmackssache, davon abgesehen fand ich jedoch viele aufschlussreiche Analysen und Betrachtungen in den 16 versammelten Texten und kann das Heft daher absolut empfehlen.

Das Heft GEO WISSEN Nr. 52 „Mütter“ umfasst 164 Seiten und kostet in Deutschland 9,50 Euro.

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Frau und Job, Leben mit Kindern

Zu Gast im September und in Wannweil

Rezept auf Septembermorgen

An diesem nasskalten Septembermorgen starte ich den „Werbeblock“ mit einer Frau, die den Monat September ganz besonders liebt: Die Grafikerin Katja aus Reutlingen bloggt auf http://www.septembermorgen.com über schöne Dinge, Design und das Leben an sich. Und da sie diesen September mit ihrer Familie auf Reisen ist, hat sie mich eingeladen, einen Gastbeitrag zu schreiben. In „Lasst eure Kinder ruhig mal alleine backen“ stelle ich einen Kuchen vor, bei dessen Entstehung ihr euch im Hintergrund halten könnt und sollt. Gute Nerven und viel Spaß beim Ausprobieren! (Ich kann schon mal verraten: Es hat funktioniert!).

 

Lesung

Morgen bin ich wiederum zu Gast, nicht virtuell sondern ganz real: Um 19:30 lese und erzähle ich in der Bücherei in Wannweil bei Reutlingen aus meinem Buch „Zwischen Karriere und Krabbelgruppe“. Es gibt Geschichten und Bilder von Frauen aus aller Welt, von Finnland bis Chile und von Südafrika bis Kolumbien. Ich freue mich sehr auf einen spannenden Abend und viele nette Menschen!

So, das war heute der Werbeblock in eigener Sache von mum02, die seit vergangenen Donnerstag Mutter eines Schulkindes ist. Davon mehr in Kürze!

 

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Frau und Job, Leben mit Kindern, Virtuelles Leben

Urlaubseindrücke: Mit Kindern unterwegs in Finnland

Nachdem wir gerade zwei Wochen auf Familienurlaub in Finnland waren, will ich heute ein paar meiner Eindrücke mit euch teilen. Wer mein Buch „Zwischen Karriere und Krabbelgruppe“ gelesen hat, ist bereits im ersten Kapitel meiner finnischen Freundin Petra und ihrer Familie begegnet. Sie haben wir diesen Sommer wieder besucht und ihre großartige Gastfreundschaft genossen! Mutterschaftspakete, Kindertagesstätten von 7 bis 17 Uhr und im Bedarfsfall sogar 24 h am Tag – Finnland hat einiges zu bieten für beruftstätige Eltern und ihre Kinder. Im Urlaub musste ich allerdings feststellen, dass die Kinderfreundlichkeit im Alltag auch in Finnland ihre Grenzen kennt.

Überall zu finden: Lakritze liegen die Finnen, ob süß oder salzig!

Überall zu finden: Lakritze lieben die Finnen, ob süß oder salzig!

Im Restaurant gab es nicht immer Kindergerichte, und wenn doch, war dies am Preis nicht zu spüren. Für einen Kinderteller Nudeln mit Tomatensoße bezahlten wir in einem wirklich einfachen Lokal 11,90 Euro. Überhaupt, die Preise: Ein Stück Kuchen kostet 6 bis 8 Euro, ein Hefeteilchen 3 bis 4 Euro, eine Pizza Margarita circa 15 Euro. Obwohl es unser Budget gesprengt hat, waren wir ab und zu essen. In keinem der Lokale schenkte man den Kindern besondere Aufmerksamkeit*, es gab zum Beispiel nie Malstifte oder gar einen Lolli zum Nachtisch. Letzteres mag daran liegen, dass finnische Kinder im Allgemeinen nur samstags Süßigkeiten essen sollen. Auch habe ich es unterwegs so gut wie nie erlebt, dass die Kinder angelächelt wurden – das hängt sicher mit der meist sehr zurückhaltenden Art der Finnen zusammen. Apropos ausgehen und Restaurants: In Finnland bestellt man grundsätzlich am Tresen und bezahlt auch sofort. Man bekommt dafür ein Nummernschild, das man auf seinen Tisch stellt, bis die Bestellung eintrifft. Bis wir das Konzept kapiert hatten, saßen wir zwei Mal in einer Gartenwirtschaft und dachten „Wieso beachtet uns denn niemand?“. Dann ging uns ein Licht auf…

Lesen konnten wir ja nichts, aber auf Nachfrage waren die Menschen hilfsbereit und sprachen meist auch sehr gut Englisch. Ein bißchen finnisch haben wir unterwegs auch gelernt – das ist schon toll, wenn man zu Gast in einer finnischen Familie sein darf.

Mämmi, eine finnische Dessert-Spezialität: Ein süßer Brei aus Malz und Zucker, mit Vanillesoße ganz lecker

Mämmi, eine finnische Dessert-Spezialität: Ein süßer Brei aus Malz und Zucker, mit Vanillesoße ganz lecker

*Nachtrag: an unserem letzten Abend in Helsinki landeten wir in der Obhut äußerst lustiger und freundlicher Kellner, die auch mit den Kindern viele Späße machten und ihre angestaubten Deutschkenntnisse auspackten!

Im Mumin-Theater!

Im Mumin-Theater!

Freizeit

Es gibt gerade im Sommer jede Menge Attraktionen für Kinder, Freizeitparks wie das „Muminland“ in Naantali (überhaupt, die netten Mumins bevölkern das ganze Land). Allerdings haben die Parks ihren Preis – pro Person zahlten wir für einen Tag im Muminland 25 Euro, in einem Park für etwas größere Kinder zahlen alle über 120 cm Körpergröße sogar 37 Euro Eintritt. Und die Attraktionen im Park sind zum Großteil nicht inklusive, sondern kosten extra. Die Mumins haben wir dennoch absolut ins Herz geschlossen und lesen derzeit das Buch „Geschichten aus dem Mumintal“. Und in Lahti fanden wir dank unserer Freunde einen wunderbaren Park mit Ritterburg, Spielplätzen und Verkehrsübungsplatz inklusive Fahrzeugen für die Kleinen – Eintritt frei (dafür fahren gerade kinderreiche Familien wohl extra aus Helsinki die 100 km nach Lahti).

Schule

Lustig fanden die Finnen, dass wir Deutschen soviel Geld für einen Schulranzen ausgeben! In Finnland kauft man den Kindern einen Rucksack im unteren zweistelligen Euro-Bereich. Dementsprechend wenig Aufhebens machen die Finnen auch um den Schulranzen. Petras Sohn wird am 12. August eingeschult und als wir Ende Juli zu Besuch kamen, hatten sie noch keinen Ranzen für ihn. Ich war ganz beeindruckt ob ihrer Coolness dieses wichtigen Themas gegenüber 🙂 (in Deutschland werden die zukünftigen Erstklässler ja ungefähr ab Ostern gefragt: „Hast du schon einen Schulranzen?“). Die Einschulung selbst ist kein Fest in Finnland, die Kinder gehen am ersten Montag nach den Sommerferien einfach allein in die Schule.

Übrigens habe ich später in Helsinki dann doch einige Lego-Rucksäcke entdeckt, die optisch in Richtung Schulranzen gingen und für stolze 79 Euro zu haben waren. Für Scout-Kunden aus Deutschland natürlich immer noch ein Schnäppchen! Was die Kinderbetreuung für Schulkinder angeht, gibt es auch in Finnland wohl Engpässe. Petra erzählte mir, einige Kinder bekämen keinen Platz und wären – wenn die Eltern beide berufstätig sind – schon ab der ersten Klasse am Nachmittag allein zu Hause. Denn der Unterricht endet in den ersten Klassen häufig um 11 oder 12 Uhr.

Unsere Kinder haben die Zeit mit ihren finnischen Freunden sehr genossen

Unsere Kinder haben die Zeit mit ihren finnischen Freunden sehr genossen

 

Die Finnen sind ja ein sehr naturverbundenes Volk, daher möchte ich euch meine Vogelstimmen-Erlebnisse nicht vorenthalten. An ungemütlichen Orten wie riesigen Tiefgaragen (das Zentrum Helsinkis ist quasi unterhöhlt) oder Flughafentoiletten beschallen sie die Besucher mit sanftem Vogelgezwitscher aus finnischen Wäldern. Nette Idee, oder?

P.S. Sehr angenehmer Nebeneffekt der fremden finnischen Sprache: Am Strand riefen nur meine Kinder „Mama“, alle anderen schrien „Äiti“.

5 Kommentare

Eingeordnet unter Familienfreundlich?!, Leben mit Kindern, Mama international, Reisen